Bulgarien – Manna Honig
Bulgarien – Manna Honig
Ankunft am südöstlichsten Zipfel Europas. Marija, Petko und Desislava, allesamt Mitglieder der Bio Bee Farms Strandja Association holen uns am Flughafen Burgas ab. Zur Begrüßung gibt es selbst gemachtes Brot von Marija. Der weggeworfene Zigarettenstummel meines Reisebegleiters wird von Desislava nicht goutiert: „That’s no good.“ Es folgt eine stundenlange Autofahrt durch dichte Wälder in Richtung Süden bis Gramatikovo, ein Dorf in der Region Strandja. Die Straße ist abgeschirmt von mächtigen Baumkronen. Das häufigste Verkehrszeichen ist die Warnung vor Wildschweinen. Bei der Ankunft ist es weit nach Mitternacht. Ein spektakulärer Sternenhimmel. Die vollkommene Stille der Nacht wird nur gestört vom Geheul der Goldschakale.
Wenig weiß man über Bulgarien. Noch weniger bekannt ist die bulgarische Küche. Die Gast-freundschaft stellt alles bisher auf Balkanreisen Erlebte in den Schatten. Für die bereitgestellte Unterkunft wird keine Bezahlung akzeptiert. Auf eine Essenseinladung folgt die nächste. Im ländlichen Bulgarien gibt es, abgesehen von touristisch erschlossenen Gebieten am Schwarzen Meer, kaum Hotels und Herbergen, zumindest keine die geöffnet wären. Restaurants sind Mangelware. Die Bewohner von Strandja kochen zu Hause.
Abendessen bei Marija: Ein 15-jähriger Weinbrand wird zu Ehren der Gäste geöffnet. Es folgt Salat mit geriebenem Käse, Pita – das herrlich duftendes Brot aus Weizenmehl, das lauwarm verzehrt wird – und Bohnensuppe. Als Dessert Kuchen, in Ziegenmilch getränkt. Dann die Krönung des Mahls und der Stolz der Imkerin: Manov med ot Strandja, der Manna Eichenhonig aus Strandja. Ein sehr dunkler, fast schwarzer Honig mit Geruchsaromen von Gerstenmalz und einem charakteristischen Bitterton am Gaumen.
Die Bezeichnung “Manna” taucht bereits in der Bibel auf. Beschrieben wird Manna im Alten Testament als „etwas Feines, Knuspriges, fein wie Reif“ (Exodus 16,14), das in der Nacht vom Himmel fiel und auf dem Wüstenboden lag, nachdem der Morgentau getrocknet war.
Im warmen Meeresklima von Strandja gibt es perfekte Bedingungen für die Entstehung von Honigtau. Die hohe Luftfeuchtigkeit der Region in der Nähe des Schwarzen Meeres ermöglicht den Pflanzen ein großes Blattwachstum und günstige Transpirationsverhältnisse. Verschiedene Blattlausarten und vor allem der Eichelbohrer, lat. Curculio glandium saugen den Siebröhrensaft der Eichen aus den Blättern. Ihr Ausscheidungsprodukt, der sogenannte “Honigtau”, ist sehr zuckerreich und wird von den Bienen gesammelt. Er ist der Rohstoff für den begehrten Manna Honig. Der für dieses Waldgebiet typische feine Nebel sorgt dafür, dass die Honigtautröpfchen lange für die Bienen verfügbar bleiben. Zu starker Nebel oder Regen würde die Tröpfchen vergrößern und von den Blättern spülen. In den Monaten Juni bis August ist der Honigtau der Eiche die Hauptnahrungsquelle der Bienen, da in den Wäldern der Region kaum nektarerzeugende Blüten zu finden sind. Manna Honig aus Strandja ist reich an Kalium, Magnesium sowie Lithium und hat einen hohen Anteil an Antioxidantien. →
Gramatikovo ist eines der 19 Dörfer der hügeligen Region Strandja, die zu 80 % von dichten Eichenwäldern bedeckt ist. Strandja liegt direkt am Schwarzen Meer und grenzt im Süden an den europäischen Teil der Türkei. Zur besten Zeit zählte Gramatikovo 2.000 Einwohner. Heute sind es gerade noch 100. Eine Bar, ein kleiner Laden, eine Bibliothek. Die Dörfer wirken wie Inseln in einem Urwald, die durch schmale, kurvenreiche Straßen miteinander vernetzt sind. Bis zur Auflösung des Warschauer Paktes im Jahr 1991 war hier eine hochgerüstete Militärgrenze zum NATO Mitgliedsland Türkei.
Am nächsten Morgen besuchen wir den Apollontempel von Mishkova Niva, ein alter thrakischer Kultplatz aus dem 5. Jhdt. v. Chr. in unmittelbarer Nähe der türkischen Grenze. Steinquader liegen kreisförmig um eine gewölbte Grabstätte. Schwärme von Insekten begleiten uns, Pilze am Wegrand. Den Straßenrand säumen wilde Äpfel und Birnen, die ihre kleinen Früchte abgeworfen haben. Ein Geruch nach vergorenem Obst liegt in der Luft. In den Eichenwäldern zeigt sich Ende September bereits die erste Herbstfärbung. Schlehenbüsche, Sand- und Feuerdorn, Wildpflaumen in allen Farben und Formen. Völlige Stille liegt über dem Wald.
Unter den feuchtwarmen Bedingungen gedeiht in Strandja eine einzigartige Pflanzenwelt, die der pontischen Flora des Kaukasus und Kleinasiens ähnlich ist. Die ursprüngliche Vegetation des Tertiärs (vor 65 – 2,6 Millionen Jahren) blieb erhalten, da in dieser Region auch die Kaltperiode des nach-folgenden Quartärs (Beginn vor 2,6 Millionen Jahren) eisfrei blieb. Zu diesen tertiären Relikten zählen auch die beiden bienenwirtschaftlich wichtigsten Eichenarten Quercus hartwissiana und Quercus frainetto. Das hügelige Gelände und Bodenverhältnisse, die eine intensive landwirtschaftliche Nutzung nicht möglich machen, bewahrten diese Region vor der Abholzung ihrer Laubwälder, ein Schicksal, das weite küstennahe Landstriche des Balkans erlitten hatten.
Es folgt der bei Imkerbesuchen obligatorische Besuch von Bienenständen. Im Auto begleitet uns Desislava, die perfekt Englisch spricht. Sie ist 26 Jahre alt und die jüngste Generation der Imkerdynastie Kaloyanov. Auffallend viele Straßensperren blockieren den Weg und etliche Fahrzeuge der Grenzpolizei kommen uns entgegen. “Jene Flüchtlinge, die Deutschland will, ziehen hier durch”, meint Desislava während der Fahrt. Bewaffnete Gruppen, die über die grüne Grenze aus der Türkei kommen, würden sich in den besonders unzugänglichen Teilen des urwaldähnlichen Naturschutz-gebietes verstecken. Es wäre gefährlich diese Wälder zu betreten.
Doch nicht nur Migranten sondern auch Pflanzen wanderten durch die Region. Der Botaniker Lujo Adamovic schreibt 1909 in seiner “Vegetationsbeschreibung der Balkanländer”: “Die thrakische Ebene breitet sich vom Gestade des Schwarzen Meeres als eine wellige Hügellandschaft landeinwärts aus. Die Nähe des Meeres und die milde Plastik des Terrains befördern eine erfolgreiche Pflanzen-besiedelung und Einwanderung. Durch den warmen Trichter, dessen Wände im Norden vom Balkan-, im Süden vom Rhodopengebirge gebildet werden, drangen die ostmediterranen Legionen aus Kleinasien bequem und ungehindert ein.” ↓
Ankunft am südöstlichsten Zipfel Europas. Marija, Petko und Desislava, allesamt Mitglieder der Bio Bee Farms Strandja Association holen uns am Flughafen Burgas ab. Zur Begrüßung gibt es selbst gemachtes Brot von Marija. Der weggeworfene Zigarettenstummel meines Reisebegleiters wird von Desislava nicht goutiert: „That’s no good.“ Es folgt eine stundenlange Autofahrt durch dichte Wälder in Richtung Süden bis Gramatikovo, ein Dorf in der Region Strandja. Die Straße ist abgeschirmt von mächtigen Baumkronen. Das häufigste Verkehrszeichen ist die Warnung vor Wildschweinen. Bei der Ankunft ist es weit nach Mitternacht. Ein spektakulärer Sternenhimmel. Die vollkommene Stille der Nacht wird nur gestört vom Geheul der Goldschakale.
Wenig weiß man über Bulgarien. Noch weniger bekannt ist die bulgarische Küche. Die Gast-freundschaft stellt alles bisher auf Balkanreisen Erlebte in den Schatten. Für die bereitgestellte Unterkunft wird keine Bezahlung akzeptiert. Auf eine Essenseinladung folgt die nächste. Im ländlichen Bulgarien gibt es, abgesehen von touristisch erschlossenen Gebieten am Schwarzen Meer, kaum Hotels und Herbergen, zumindest keine die geöffnet wären. Restaurants sind Mangelware. Die Bewohner von Strandja kochen zu Hause.
Abendessen bei Marija: Ein 15-jähriger Weinbrand wird zu Ehren der Gäste geöffnet. Es folgt Salat mit geriebenem Käse, Pita – das herrlich duftendes Brot aus Weizenmehl, das lauwarm verzehrt wird – und Bohnensuppe. Als Dessert Kuchen, in Ziegenmilch getränkt. Dann die Krönung des Mahls und der Stolz der Imkerin: Manov med ot Strandja, der Manna Eichenhonig aus Strandja. Ein sehr dunkler, fast schwarzer Honig mit Geruchsaromen von Gerstenmalz und einem charakteristischen Bitterton am Gaumen.
Die Bezeichnung “Manna” taucht bereits in der Bibel auf. Beschrieben wird Manna im Alten Testament als „etwas Feines, Knuspriges, fein wie Reif“ (Exodus 16,14), das in der Nacht vom Himmel fiel und auf dem Wüstenboden lag, nachdem der Morgentau getrocknet war.
Im warmen Meeresklima von Strandja gibt es perfekte Bedingungen für die Entstehung von Honigtau. Die hohe Luftfeuchtigkeit der Region in der Nähe des Schwarzen Meeres ermöglicht den Pflanzen ein großes Blattwachstum und günstige Transpirationsverhältnisse. Verschiedene Blattlausarten und vor allem der Eichelbohrer, lat. Curculio glandium saugen den Siebröhrensaft der Eichen aus den Blättern. Ihr Ausscheidungsprodukt, der sogenannte “Honigtau”, ist sehr zuckerreich und wird von den Bienen gesammelt. Er ist der Rohstoff für den begehrten Manna Honig. Der für dieses Waldgebiet typische feine Nebel sorgt dafür, dass die Honigtautröpfchen lange für die Bienen verfügbar bleiben. Zu starker Nebel oder Regen würde die Tröpfchen vergrößern und von den Blättern spülen. In den Monaten Juni bis August ist der Honigtau der Eiche die Hauptnahrungsquelle der Bienen, da in den Wäldern der Region kaum nektarerzeugende Blüten zu finden sind. Manna Honig aus Strandja ist reich an Kalium, Magnesium sowie Lithium und hat einen hohen Anteil an Antioxidantien. →
Gramatikovo ist eines der 19 Dörfer der hügeligen Region Strandja, die zu 80 % von dichten Eichenwäldern bedeckt ist. Strandja liegt direkt am Schwarzen Meer und grenzt im Süden an den europäischen Teil der Türkei. Zur besten Zeit zählte Gramatikovo 2.000 Einwohner. Heute sind es gerade noch 100. Eine Bar, ein kleiner Laden, eine Bibliothek. Die Dörfer wirken wie Inseln in einem Urwald, die durch schmale, kurvenreiche Straßen miteinander vernetzt sind. Bis zur Auflösung des Warschauer Paktes im Jahr 1991 war hier eine hochgerüstete Militärgrenze zum NATO Mitgliedsland Türkei.
Am nächsten Morgen besuchen wir den Apollontempel von Mishkova Niva, ein alter thrakischer Kultplatz aus dem 5. Jhdt. v. Chr. in unmittelbarer Nähe der türkischen Grenze. Steinquader liegen kreisförmig um eine gewölbte Grabstätte. Schwärme von Insekten begleiten uns, Pilze am Wegrand. Den Straßenrand säumen wilde Äpfel und Birnen, die ihre kleinen Früchte abgeworfen haben. Ein Geruch nach vergorenem Obst liegt in der Luft. In den Eichenwäldern zeigt sich Ende September bereits die erste Herbstfärbung. Schlehenbüsche, Sand- und Feuerdorn, Wildpflaumen in allen Farben und Formen. Völlige Stille liegt über dem Wald.
Unter den feuchtwarmen Bedingungen gedeiht in Strandja eine einzigartige Pflanzenwelt, die der pontischen Flora des Kaukasus und Kleinasiens ähnlich ist. Die ursprüngliche Vegetation des Tertiärs (vor 65 – 2,6 Millionen Jahren) blieb erhalten, da in dieser Region auch die Kaltperiode des nachfolgenden Quartärs (Beginn vor 2,6 Millionen Jahren) eisfrei blieb. Zu diesen tertiären Relikten zählen auch die beiden bienenwirtschaftlich wichtigsten Eichenarten Quercus hartwissiana und Quercus frainetto. Das hügelige Gelände und Bodenverhältnisse, die eine intensive landwirtschaftliche Nutzung nicht möglich machen, bewahrten diese Region vor der Abholzung ihrer Laubwälder, ein Schicksal, das weite küstennahe Landstriche des Balkans erlitten hatten.
Es folgt der bei Imkerbesuchen obligatorische Besuch von Bienenständen. Im Auto begleitet uns Desislava, die perfekt Englisch spricht. Sie ist 26 Jahre alt und die jüngste Generation der Imkerdynastie Kaloyanov. Auffallend viele Straßensperren blockieren den Weg und etliche Fahrzeuge der Grenzpolizei kommen uns entgegen. “Jene Flüchtlinge, die Deutschland will, ziehen hier durch”, meint Desislava während der Fahrt. Bewaffnete Gruppen, die über die grüne Grenze aus der Türkei kommen, würden sich in den besonders unzugänglichen Teilen des urwaldähnlichen Naturschutzgebietes verstecken. Es wäre gefährlich diese Wälder zu betreten.
Doch nicht nur Migranten sondern auch Pflanzen wanderten durch die Region. Der Botaniker Lujo Adamovic schreibt 1909 in seiner “Vegetationsbeschreibung der Balkanländer”: “Die thrakische Ebene breitet sich vom Gestade des Schwarzen Meeres als eine wellige Hügellandschaft landeinwärts aus. Die Nähe des Meeres und die milde Plastik des Terrains befördern eine erfolgreiche Pflanzen-besiedelung und Einwanderung. Durch den warmen Trichter, dessen Wände im Norden vom Balkan-, im Süden vom Rhodopengebirge gebildet werden, drangen die ostmediterranen Legionen aus Kleinasien bequem und ungehindert ein.” ↓
Die Familie Kolayanov betreibt die Imkerei bereits in der 5. Generation. Auf einer Waldlichtung treffen wir bei einem Bienenstand Opa Velko. Der 78-jährige hatte bei der Bienenarbeit stets seine Frau Kichka dabei. Es herrschte strikte Arbeitsteilung: Sie bediente den Rauchapparat und löste mit einem Stockmeisel die Waben von der Zarge. Er nahm die Waben aus dem Bienenstock und prüfte Eiablage und Futtereintrag. Mittlerweile unterstützt Velko seinen 54-jährigen Sohn Petko bei der Arbeit an den Bienenstöcken. Velko selbst sitzt auf einem Holzgestell, sein Sohn arbeitet stehend neben ihm.
Der Verein Bio Bee Farms Association hat insgesamt 20 Mitglieder, davon sechs aktive Imker mit Bio-Zertifizierung. Ziel des Vereins sei es, Verhandlungsstärke gegenüber potentiellen Honigkäufern zu haben, so Petko. Die Erntemenge für Manna Honig schwankt zwischen 3 und 20 Tonnen pro Jahr. Die Vermarktung des Honigs erfolgt unter der gemeinsamen Marke. Opa Velko verschwindet kurz in einer Hütte und kehrt mit einem graubraunen Objekt zurück, an dem ein Tragegriff aus Draht befestigt ist. Es ist ein sogenannter Trmka, eine der traditionellen Bienen-wohnungen, wie sie bis vor wenigen Jahrzehnten in weiten Teilen des Balkans typisch war: Über ein rundes, oben geschlossenes Geflecht an Weidenruten wurde frischer Kuhmist aufgetragen und zum Trocknen in die Sonne gestellt. Zur Schwarmzeit im Frühjahr wurde das Innere des Bienenkorbes mit Zitronenverbene ausgerieben, da Bienen diesen Geruch lieben. Die Imker schütteten dann einen frisch gefangenen Schwarm in den Korb, drehten diesen um und stellten ihn an einen sonnigen Platz. Die Bienen begannen sofort mit dem Wabenbau und legten ein Brutnest an. Durch einen kleinen Schlitz konnten sie den Korb verlassen und Blütennektar eintragen. Vor der Ernte des Honigs im Herbst wurde der gesamte Korb in Wasser getaucht und die Bienen getötet. Die Waben wurden dann entnommen und der Honig ausgepresst. Der Korb konnte im nächsten Frühjahr wieder für einen neuen Schwarm verwendet werden.
Die Einladung zum Mittagessen bei den Großeltern Velko und Kichka wird zum kulinarischen Großereignis: Auf den Tisch kommen ausschließlich Zutaten aus dem eigenen Garten und Fleisch aus der Region. Hausgemachter Raki und Weißwein aus der Traubensorte Medovina, sowie Holunder-sirup werden serviert. Auf Tomatensalat folgt zartes Schweinefleisch mit überbackenen Kartoffeln dazu Ajvar mit leichtem Rauchgeschmack. Und natürlich Pita. Und Feta, der Salzlakenkäse, der gemeinsam mit dem Manov med ot Strandja verzehrt wird.
Verwendung fand Honig früher fast ausschließlich als Medizin, als Nahrungsmittel war er zu wertvoll, erzählt Velko. Noch heute findet man bei den meisten Honigbeschreibungen von Imkern der Balkanländer in erster Linie Hinweise auf die Heilwirkung des Honigs. Die Frage, ob sich der Geschmack des Manna Honigs in den letzten Jahrzehnten verändert habe, führt zu einer kurzen aber heftigen Kontroverse mit seiner Frau Kichka. Opa Velko, der die Frage erst verneint, korrigiert nach Intervention seiner Frau: „Vielleicht ist der Honig etwas heller und weniger intensiv im Geschmack. Schuld daran sind neu zugewanderte Pflanzen wie Akazie, Christusdorn und vor allem der Bastard-indigo, der an vielen Wegrändern zu finden ist.“ Und die Erntemengen hätten sich geändert. Früher wären 40 kg Manna Honig pro Jahr keine Seltenheit gewesen, heute seien es nur noch 10 bis 20. Und liefert auch gleich eine Erklärung dafür. Der Großflughafen Istambul liege nur 130 km von Gramatikovo entfernt. Und direkt über dem Waldgebiet liege die wichtigste Einflugschneise. Die Flugzeuge würden vor der Landung überschüssiges Kerosin ablassen, das mache die Eichen krank. →
Als das Gespräch auf den idealen Honigpreis kommt, antwortet seine Frau Kichka spontan: „Der beste Preis für 1 kg Honig ist der von 1 kg Butter.“ Kurze Irritation tritt auf, nachdem Kichka zur Bejahung einer Frage den Kopf schüttelt. Doch das kleine Missverständnis ist dank unserer professionellen Übersetzerin rasch geklärt. Bulgarien zählt zu den wenigen Ländern, in denen das Schütteln des Kopfes „Ja“ und Nicken „Nein“ bedeutet.
Velko sagt, er sei verliebt in Bienen. Bienen seien sein Leben. Wenn er die Bienen eine Woche oder länger nicht besucht hat, fühle er sich nicht gut. Er könne nicht schlafen. Mache sich Sorgen um die Bienen. Für Kichka gibt es, wenn sie bei den Bienen ist, nichts anderes im Leben. Sie sei auf einem anderen Planeten. Schwiegersohn Petko, zugleich Obmann des Vereins Bio Bee Farms, ist da schon nüchterner, für ihn ist es nicht so, er denke bei der Bienenarbeit eher an das Endprodukt. Und zuletzt ergänzt Jungimkerin Desislava: „Ich mag Bienen, sie sind klein und süß.“
Und noch eine bienenbotanische Besonderheit aus dem Tertiär bietet die Region Strandja. Im Unterholz der Eichenurwälder gedeiht Rhododendron ponticum, ein Strauch dessen lila Blütenpracht alljährlich im Mai ein Farbspektakel liefert, das Besucher aus aller Welt anlockt. Die von den Bulgaren zelenika genannte Pflanze kommt an der gesamten, niederschlagsreichen Südküste des Schwarzen Meeres vor. Der Blütennektar des Pontischen Rhododendron enthält Grammotoxin. Der Stoff ist für Bienen ungefährlich, bewirkt beim Menschen jedoch rauschähnliche Zustände. Als “mad honey”, türk. “deli bal”, ist der dunkelrote Honig mit markantem Bitterton in der Türkei frei erhältlich. In kleinen Mengen gilt „deli bal“ in der Türkei als nützliches Medikament. In größeren ist es eine psychotrope Substanz. Die medizinischen Vorteile von „deli bal“ sind zahlreich. So soll der Honig von Rhododendron ponticum dabei helfen, Stress abzubauen und Bluthochdruck, Impotenz, Migräne und Angstzustände zu behandeln. Die maximal erlaubte Menge beträgt jedoch einen Teelöffel pro Tag. Alles darüber kann Nebenwirkungen wie Herzrhythmusstörungen, Schwindel, Erbrechen, Krämpfe, Angstzustände und in seltenen Fällen sogar den Tod verursachen.
Wie aber gelingt es, den renommierten Manna Honig zu verkaufen, wenn in den Wäldern ein Strauch blüht, der giftigen Blütennektar liefert? “Med od zelenika”, wie der psychoaktive Honig in Bulgarien genannt wird, gäbe es in Strandja nicht, gibt sich Großvater Velko überzeugt. “Aber vielleicht”, so widerspricht Enkelin Desislava, “ist der med od zelenika ja das, was den typischen Bitterton im Manna Honig von Strandja ausmacht.” ♦
Bezugsquelle für Manna Honig:
Imkerfamilie Kaloyanov
www.biohoneyzone.com
biohoneybbfsa@gmail.com
Tel: Desislava Kaloyanov: +359894410774
Mail: desislava_pk_@abv.bg
Reisetipps:
Mishkova Niva
Restaurant und Guesthouse Kovach, Malko Tarnovo
Die Familie Kolayanov betreibt die Imkerei bereits in der 5. Generation. Auf einer Waldlichtung treffen wir bei einem Bienenstand Opa Velko. Der 78-jährige hatte bei der Bienenarbeit stets seine Frau Kichka dabei. Es herrschte strikte Arbeitsteilung: Sie bediente den Rauchapparat und löste mit einem Stockmeisel die Waben von der Zarge. Er nahm die Waben aus dem Bienenstock und prüfte Eiablage und Futtereintrag. Mittlerweile unterstützt Velko seinen 54-jährigen Sohn Petko bei der Arbeit an den Bienenstöcken. Velko selbst sitzt auf einem Holzgestell, sein Sohn arbeitet stehend neben ihm.
Der Verein Bio Bee Farms Association hat insgesamt 20 Mitglieder, davon sechs aktive Imker mit Bio-Zertifizierung. Ziel des Vereins sei es, Verhandlungsstärke gegenüber potentiellen Honigkäufern zu haben, so Petko. Die Erntemenge für Manna Honig schwankt zwischen 3 und 20 Tonnen pro Jahr. Die Vermarktung des Honigs erfolgt unter der gemeinsamen Marke. Opa Velko verschwindet kurz in einer Hütte und kehrt mit einem graubraunen Objekt zurück, an dem ein Tragegriff aus Draht befestigt ist. Es ist ein sogenannter Trmka, eine der traditionellen Bienen-wohnungen, wie sie bis vor wenigen Jahrzehnten in weiten Teilen des Balkans typisch war: Über ein rundes, oben geschlossenes Geflecht an Weidenruten wurde frischer Kuhmist aufgetragen und zum Trocknen in die Sonne gestellt. Zur Schwarmzeit im Frühjahr wurde das Innere des Bienenkorbes mit Zitronenverbene ausgerieben, da Bienen diesen Geruch lieben. Die Imker schütteten dann einen frisch gefangenen Schwarm in den Korb, drehten diesen um und stellten ihn an einen sonnigen Platz. Die Bienen begannen sofort mit dem Wabenbau und legten ein Brutnest an. Durch einen kleinen Schlitz konnten sie den Korb verlassen und Blütennektar eintragen. Vor der Ernte des Honigs im Herbst wurde der gesamte Korb in Wasser getaucht und die Bienen getötet. Die Waben wurden dann entnommen und der Honig ausgepresst. Der Korb konnte im nächsten Frühjahr wieder für einen neuen Schwarm verwendet werden.
Die Einladung zum Mittagessen bei den Großeltern Velko und Kichka wird zum kulinarischen Großereignis: Auf den Tisch kommen ausschließlich Zutaten aus dem eigenen Garten und Fleisch aus der Region. Hausgemachter Raki und Weißwein aus der Traubensorte Medovina, sowie Holunder-sirup werden serviert. Auf Tomatensalat folgt zartes Schweinefleisch mit überbackenen Kartoffeln dazu Ajvar mit leichtem Rauchgeschmack. Und natürlich Pita. Und Feta, der Salzlakenkäse, der gemeinsam mit dem Manov med ot Strandja verzehrt wird.
Verwendung fand Honig früher fast ausschließlich als Medizin, als Nahrungsmittel war er zu wertvoll, erzählt Velko. Noch heute findet man bei den meisten Honigbeschreibungen von Imkern der Balkanländer in erster Linie Hinweise auf die Heilwirkung des Honigs. Die Frage, ob sich der Geschmack des Manna Honigs in den letzten Jahrzehnten verändert habe, führt zu einer kurzen aber heftigen Kontroverse mit seiner Frau Kichka. Opa Velko, der die Frage erst verneint, korrigiert nach Intervention seiner Frau: „Vielleicht ist der Honig etwas heller und weniger intensiv im Geschmack. Schuld daran sind neu zugewanderte Pflanzen wie Akazie, Christusdorn und vor allem der Bastard-indigo, der an vielen Wegrändern zu finden ist.“ Und die Erntemengen hätten sich geändert. Früher wären 40 kg Manna Honig pro Jahr keine Seltenheit gewesen, heute seien es nur noch 10 bis 20. Und liefert auch gleich eine Erklärung dafür. Der Großflughafen Istambul liege nur 130 km von Gramatikovo entfernt. Und direkt über dem Waldgebiet liege die wichtigste Einflugschneise. Die Flugzeuge würden vor der Landung überschüssiges Kerosin ablassen, das mache die Eichen krank. →
Als das Gespräch auf den idealen Honigpreis kommt, antwortet seine Frau Kichka spontan: „Der beste Preis für 1 kg Honig ist der von 1 kg Butter.“ Kurze Irritation tritt auf, nachdem Kichka zur Bejahung einer Frage den Kopf schüttelt. Doch das kleine Missverständnis ist dank unserer professionellen Übersetzerin rasch geklärt. Bulgarien zählt zu den wenigen Ländern, in denen das Schütteln des Kopfes „Ja“ und Nicken „Nein“ bedeutet.
Velko sagt, er sei verliebt in Bienen. Bienen seien sein Leben. Wenn er die Bienen eine Woche oder länger nicht besucht hat, fühle er sich nicht gut. Er könne nicht schlafen. Mache sich Sorgen um die Bienen. Für Kichka gibt es, wenn sie bei den Bienen ist, nichts anderes im Leben. Sie sei auf einem anderen Planeten. Schwiegersohn Petko, zugleich Obmann des Vereins Bio Bee Farms, ist da schon nüchterner, für ihn ist es nicht so, er denke bei der Bienenarbeit eher an das Endprodukt. Und zuletzt ergänzt Jungimkerin Desislava: „Ich mag Bienen, sie sind klein und süß.“
Und noch eine bienenbotanische Besonderheit aus dem Tertiär bietet die Region Strandja. Im Unterholz der Eichenurwälder gedeiht Rhododendron ponticum, ein Strauch dessen lila Blütenpracht alljährlich im Mai ein Farbspektakel liefert, das Besucher aus aller Welt anlockt. Die von den Bulgaren zelenika genannte Pflanze kommt an der gesamten, niederschlagsreichen Südküste des Schwarzen Meeres vor. Der Blütennektar des Pontischen Rhododendron enthält Grammotoxin. Der Stoff ist für Bienen ungefährlich, bewirkt beim Menschen jedoch rauschähnliche Zustände. Als “mad honey”, türk. “deli bal”, ist der dunkelrote Honig mit markantem Bitterton in der Türkei frei erhältlich. In kleinen Mengen gilt „deli bal“ in der Türkei als nützliches Medikament. In größeren ist es eine psychotrope Substanz. Die medizinischen Vorteile von „deli bal“ sind zahlreich. So soll der Honig von Rhododendron ponticum dabei helfen, Stress abzubauen und Bluthochdruck, Impotenz, Migräne und Angstzustände zu behandeln. Die maximal erlaubte Menge beträgt jedoch einen Teelöffel pro Tag. Alles darüber kann Nebenwirkungen wie Herzrhythmusstörungen, Schwindel, Erbrechen, Krämpfe, Angstzustände und in seltenen Fällen sogar den Tod verursachen.
Wie aber gelingt es, den renommierten Manna Honig zu verkaufen, wenn in den Wäldern ein Strauch blüht, der giftigen Blütennektar liefert? “Med od zelenika”, wie der psychoaktive Honig in Bulgarien genannt wird, gäbe es in Strandja nicht, gibt sich Großvater Velko überzeugt. “Aber vielleicht”, so widerspricht Enkelin Desislava, “ist der med od zelenika ja das, was den typischen Bitterton im Manna Honig von Strandja ausmacht.” ♦
Bezugsquelle für Manna Honig:
Imkerfamilie Kaloyanov
www.biohoneyzone.com
biohoneybbfsa@gmail.com
Tel: Desislava Kaloyanov: +359894410774
Mail: desislava_pk_@abv.bg
Reisetipps:
Mishkova Niva
Restaurant und Guesthouse Kovach, Malko Tarnovo