Serbien – Honig auf Achse und Rädern
Serbien – Honig auf Achse und Rädern
Die Wartezeit an der Grenze zwischen Ungarn und Serbien bei Röszke dehnt sich ins Unendliche. Erinnerungen an die grauenhaften Berichte über Flüchtlingslager im Niemandsland kommen hoch.
Im September 2015 strandeten hier hunderte Migranten. An diesem Punkt der Balkanroute war für sie kein Weiterkommen mehr möglich. Ebenso verwehrt war der Weg zurück. Noch heute ist das Nadelöhr in die EU mit meterhohen Zäunen und Stacheldraht gesichert. Die meisten Grenzgänger scheinen an Wartezeiten gewöhnt zu sein und reagieren darauf mit demonstrativer Gelassenheit. Zwei Frauen in einem Auto mit Wiener Kennzeichen rauchen. Ihr Autoradio dröhnt in maximaler Lautstärke. Erdrückend ist die Hässlichkeit des Grenzgebäudes in voller Betriebsamkeit und unbeschreiblich die Erleichterung als sich der Grenzbalken endlich hebt.
Wenige Kilometer weiter südlich erreiche ich Palić. Die kleine Stadt in der nordserbischen Provinz Vojvodina vermittelt Urlaubsflair. Pinien säumen die Straßen. Hier treffe ich Živoslav Stojanović, einen der bekanntesten Imker Serbiens. Stämmiger Wuchs, schwarzes Hemd, schwarze Kunstlederjacke, schwarze Mütze, langer grauer Kinnbart. „Žika“, wie ihn seine Freunde nennen, bekleidete viele Jahre lang hohe Ämter im nationalen Imkerverband. Ohne viele Fragen zu stellen bringt er mich in die Paprika čarda, ein beliebtes Ausfluglokal am Ufer des Palićsees. Die Melancholie der untergehenden Sonne erleichtert das Kennenlernen. Ebenso der erste Sliwowitz, dem bald darauf der zweite folgt. Dem wiederum folgt kräftiger Weißwein. Noch bevor die Fischsuppe serviert wird, raucht er am Tisch seine erste Zigarette. Auf meine erstaunte Frage ob dies in Serbien erlaubt sei, seine Antwort: „Ici c‘est Balkan!“ Stojanović spricht Französisch mit starkem Akzent, ein Relikt aus seiner Zeit am Gymnasium und unser kleinster gemeinsamer sprachlicher Nenner. Den Ukrainekrieg, der seit einer Woche Tagesthema in allen Medien ist, kommentiert er mit den Worten „Russen und Serben sind Freunde, die NATO hat Fehler gemacht.“
Serbien ist ein Land der Bienen und des Honigs. Die Zahl der Bienenvölker hat sich in den letzten zehn Jahren verdoppelt und liegt mittlerweile bei fast einer Million. Besonders die Vojvodina mit ihren Feldkulturen ist beliebtes Ziel von Wanderimkern. Auf 40.000 ha wird Raps angebaut und auf 230.000 ha die Sonnenblume. Die Imker erreichen durchschnittliche Honigernten von 80 kg pro Bienenvolk. Das sind Mengen von denen Imker in Mitteleuropa nur träumen können. Bienenhaltung ist praktisch im gesamten Staatsgebiet möglich. In Zentralserbien werden Akazien- und Waldhonig gewonnen, in Hügellagen in der Fruška Gora, südlich von Novi Sad, auch Honig von der Linde. Nach Abschluss des Essens erzählt Živoslav eine Begebenheit aus dem Sommer 1999. Sein Sohn lag gerade am Strand des Sees als eine NATO-Bombe auf der Suche nach Radaranlagen genau an der Stelle einschlug, an der wir jetzt unser Autos geparkt haben. Glücklicherweise explodierte sie nicht. →
Sein jüngerer Sohn tauchte vor Angst sofort ins Wasser und blieb lange unten. Wäre sie explodiert, wäre er wohl nicht mehr am Leben. Um die Radaranlagen für die NATO Bomber schwerer auffindbar zu machen, montierte die serbische Luftabwehr diese auf Lastwägen und veränderten ständig deren Standorte. Doch sie blieben leichte Beute und zogen die Bomben an wie Licht Insekten in der Nacht.
Nach dem Essen folgt ein kurzer Besuch auf dem Friedhof, zum Grab seines älteren Sohnes, der im März letzten Jahres an Corona verstorben ist. Ein schwerer Schlag für den Imker, der gemeinsam mit ihm eine lebensfähige Imkerei im Vollerwerb aufbauen wollte. Der Grabstein ist in Form einer sechseckigen Zelle aus einer Bienenwabe ausgeführt und schon von weitem leicht zu finden. Auf dem riesigen Friedhof sind die Gräber fein säuberlich nach Konfessionen getrennt: Eine Sektion für die Katholiken eine weitere für orthodoxe Christen.
Noch in Sichtweite des Friedhofs stehen zwei seiner Bienenstände, hochgestellt auf blauen Containern, um sie direkt auf Lastwagen verladen zu können. Das Gelände gehörte zu einer Spirituosen- und Weinfabrik aus der Blütezeit Jugoslawiens. Die wirtschaftlichen Umbrüche der letzten Jahrzehnte hat das Unternehmen nicht überlebt. Auf der einen Seite des Weges liegt eine aufgelassene Pflaumenplantage, die jahrelang den Rohstoff für das nationale Lebenselixier Sliwowitz geliefert hatte. Ein Feldweg, bestehend aus feinstem Flusssand und Staub trennt den Obstgarten von der Brachfläche jenseits des Weges. Wir sind am Ziel meiner Reise angekommen. Aus verfilzten Grasbüscheln ragen seltsame Gebilde. Am Ende von etwa ein Meter langen Stielen lagert in ovalen Kapseln zarter weißer Flaum. Darunter liegen unzählige flache, braune Samen. Es sind die über-winterten Blütenstände der Gewöhnlichen Seidenpflanze, lat. Asclepius syriaca, die den Rohstoff für einen der begehrtesten Honige Serbiens liefert.
In den Monaten Juli und August verwandelt die attraktive Pflanze ganze Flusslandschaften in ein rosafarbenes Blütenmeer. Der Tiefwurzler der im serbischen auch Divlji duhan genannt wird, stammt aus Nordamerika und wurde im 17. Jahrhundert als Futterquelle für Bienen und zur Uferbefestigung entlang von Flüssen gepflanzt. Die Seidenpflanze vermehrt sich stark durch Rhizome und weitfliegende Samen und bildet im Grenzgebiet zwischen Ungarn und Serbien große Bestände. Allerdings bietet sie Insekten keinen Pollen, was bei diesen zu Ernährungsproblemen führen kann. Honigbienen stillen ihren Pollenbedarf dann häufig an der Königskerze, lat. Verbascum ssp., die in dieser Region ebenfalls häufig vorkommt. Und noch einen Nachteil bietet diese reichlich Nektar spendende Pflanze für Bestäubungsinsekten. In trockenen Jahren sondert die Blüte eine ölartige Substanz ab. Die Bienen bleiben daran kleben und können die Blüten nicht mehr verlassen. Viele Imker meiden aus diesem Grund die Seidenpflanze. ↓
Die Wartezeit an der Grenze zwischen Ungarn und Serbien bei Röszke dehnt sich ins Unendliche. Erinnerungen an die grauenhaften Berichte über Flüchtlingslager im Niemandsland kommen hoch.
Im September 2015 strandeten hier hunderte Migranten. An diesem Punkt der Balkanroute war für sie kein Weiterkommen mehr möglich. Ebenso verwehrt war der Weg zurück. Noch heute ist das Nadelöhr in die EU mit meterhohen Zäunen und Stacheldraht gesichert. Die meisten Grenzgänger scheinen an Wartezeiten gewöhnt zu sein und reagieren darauf mit demonstrativer Gelassenheit. Zwei Frauen in einem Auto mit Wiener Kennzeichen rauchen. Ihr Autoradio dröhnt in maximaler Lautstärke. Erdrückend ist die Hässlichkeit des Grenzgebäudes in voller Betriebsamkeit und unbeschreiblich die Erleichterung als sich der Grenzbalken endlich hebt.
Wenige Kilometer weiter südlich erreiche ich Palić. Die kleine Stadt in der nordserbischen Provinz Vojvodina vermittelt Urlaubsflair. Pinien säumen die Straßen. Hier treffe ich Živoslav Stojanović, einen der bekanntesten Imker Serbiens. Stämmiger Wuchs, schwarzes Hemd, schwarze Kunstlederjacke, schwarze Mütze, langer grauer Kinnbart. „Žika“, wie ihn seine Freunde nennen, bekleidete viele Jahre lang hohe Ämter im nationalen Imkerverband. Ohne viele Fragen zu stellen bringt er mich in die Paprika čarda, ein beliebtes Ausfluglokal am Ufer des Palićsees. Die Melancholie der untergehenden Sonne erleichtert das Kennenlernen. Ebenso der erste Sliwowitz, dem bald darauf der zweite folgt. Dem wiederum folgt kräftiger Weißwein. Noch bevor die Fischsuppe serviert wird, raucht er am Tisch seine erste Zigarette. Auf meine erstaunte Frage ob dies in Serbien erlaubt sei, seine Antwort: „Ici c‘est Balkan!“ Stojanović spricht Französisch mit starkem Akzent, ein Relikt aus seiner Zeit am Gymnasium und unser kleinster gemeinsamer sprachlicher Nenner. Den Ukrainekrieg, der seit einer Woche Tagesthema in allen Medien ist, kommentiert er mit den Worten „Russen und Serben sind Freunde, die NATO hat Fehler gemacht.“
Serbien ist ein Land der Bienen und des Honigs. Die Zahl der Bienenvölker hat sich in den letzten zehn Jahren verdoppelt und liegt mittlerweile bei fast einer Million. Besonders die Vojvodina mit ihren Feldkulturen ist beliebtes Ziel von Wanderimkern. Auf 40.000 ha wird Raps angebaut und auf 230.000 ha die Sonnenblume. Die Imker erreichen durchschnittliche Honigernten von 80 kg pro Bienenvolk. Das sind Mengen von denen Imker in Mitteleuropa nur träumen können. Bienenhaltung ist praktisch im gesamten Staatsgebiet möglich. In Zentralserbien werden Akazien- und Waldhonig gewonnen, in Hügellagen in der Fruška Gora, südlich von Novi Sad, auch Honig von der Linde. Nach Abschluss des Essens erzählt Živoslav eine Begebenheit aus dem Sommer 1999. Sein Sohn lag gerade am Strand des Sees als eine NATO-Bombe auf der Suche nach Radaranlagen genau an der Stelle einschlug, an der wir jetzt unser Autos geparkt haben. Glücklicherweise explodierte sie nicht. →
Sein jüngerer Sohn tauchte vor Angst sofort ins Wasser und blieb lange unten. Wäre sie explodiert, wäre er wohl nicht mehr am Leben. Um die Radaranlagen für die NATO Bomber schwerer auffindbar zu machen, montierte die serbische Luftabwehr diese auf Lastwägen und veränderten ständig deren Standorte. Doch sie blieben leichte Beute und zogen die Bomben an wie Licht Insekten in der Nacht.
Nach dem Essen folgt ein kurzer Besuch auf dem Friedhof, zum Grab seines älteren Sohnes, der im März letzten Jahres an Corona verstorben ist. Ein schwerer Schlag für den Imker, der gemeinsam mit ihm eine lebensfähige Imkerei im Vollerwerb aufbauen wollte. Der Grabstein ist in Form einer sechseckigen Zelle aus einer Bienenwabe ausgeführt und schon von weitem leicht zu finden. Auf dem riesigen Friedhof sind die Gräber fein säuberlich nach Konfessionen getrennt: Eine Sektion für die Katholiken eine weitere für orthodoxe Christen.
Noch in Sichtweite des Friedhofs stehen zwei seiner Bienenstände, hochgestellt auf blauen Containern, um sie direkt auf Lastwagen verladen zu können. Das Gelände gehörte zu einer Spirituosen- und Weinfabrik aus der Blütezeit Jugoslawiens. Die wirtschaftlichen Umbrüche der letzten Jahrzehnte hat das Unternehmen nicht überlebt. Auf der einen Seite des Weges liegt eine aufgelassene Pflaumenplantage, die jahrelang den Rohstoff für das nationale Lebenselixier Sliwowitz geliefert hatte. Ein Feldweg, bestehend aus feinstem Flusssand und Staub trennt den Obstgarten von der Brachfläche jenseits des Weges. Wir sind am Ziel meiner Reise angekommen. Aus verfilzten Grasbüscheln ragen seltsame Gebilde. Am Ende von etwa ein Meter langen Stielen lagert in ovalen Kapseln zarter weißer Flaum. Darunter liegen unzählige flache, braune Samen. Es sind die über-winterten Blütenstände der Gewöhnlichen Seidenpflanze, lat. Asclepius syriaca, die den Rohstoff für einen der begehrtesten Honige Serbiens liefert.
In den Monaten Juli und August verwandelt die attraktive Pflanze ganze Flusslandschaften in ein rosafarbenes Blütenmeer. Der Tiefwurzler der im serbischen auch Divlji duhan genannt wird, stammt aus Nordamerika und wurde im 17. Jahrhundert als Futterquelle für Bienen und zur Uferbefestigung entlang von Flüssen gepflanzt. Die Seidenpflanze vermehrt sich stark durch Rhizome und weitfliegende Samen und bildet im Grenzgebiet zwischen Ungarn und Serbien große Bestände. Allerdings bietet sie Insekten keinen Pollen, was bei diesen zu Ernährungsproblemen führen kann. Honigbienen stillen ihren Pollenbedarf dann häufig an der Königskerze, lat. Verbascum ssp., die in dieser Region ebenfalls häufig vorkommt. Und noch einen Nachteil bietet diese reichlich Nektar spendende Pflanze für Bestäubungsinsekten. In trockenen Jahren sondert die Blüte eine ölartige Substanz ab. Die Bienen bleiben daran kleben und können die Blüten nicht mehr verlassen. Viele Imker meiden aus diesem Grund die Seidenpflanze. ↓
Seidenpflanzenhonig ist außerhalb von Serbien wenig bekannt. Der Farbton ist rotbraun. Die Kristallisation erfolgt erst nach mehreren Monaten. Der Honig zeigt intersive florale Aromen im Geruch und am Gaumen. Die Nachfrage nach dieser Honigrarität ist groß, so groß dass dieser Honig meist sehr schnell ausverkauft ist.
Während des anschließenden Gesprächs im Hause des Imkers unterbrechen immer wieder dramatische Fernsehnachrichten aus der Ukraine das Interview. Das serbische Staatsfernsehen ist in mehreren Räumen des Hauses präsent und zeigt wie eine riesige Menschenmenge eine russische Fahne durch die Straßen Belgrads trägt. Auf der Frage, wo der Balkan beginnt, sagt Živoslav : „Balkan ist dort, wo die Osmanen waren. In Zentralserbien 400 Jahre, bei uns in der Vojvodina nur 150.“
„Honig gibt es nur auf Achsen und Rädern“ ist einer der Leitsprüche des Imkers. Damit meint er, dass gute Ernten nur durch Wanderung mit den Bienenvölkern möglich seien. Die Wanderimkerei ist in Serbien weit verbreitet. Auch Živoslav verlädt seine blauen Container alljährlich auf einen Lastwagen um mit seinen Bienen Richtung Süden zu fahren: Etwa 50 km in die ertragreichste Sonnenblumenzone um die Stadt Bačka oder 300 Kilometer in die Akazienblüte in der Region Homolje. In diesem Naturpark am Eisernen Tor hat er auch seinen Lieblingsplatz. Die Region mit ihren großen Wäldern sei wunderschön, erzählt der Imker und seine Bewohner, die Walachen hätten eine große Liebe zu Bienen. „Alle Menschen dort lieben die Bienen, das ist fantastisch für mich. Bei uns nicht. Bei uns sagen sie, was soll das? Warum fliegen Bienen um mein Haus. In Homolje war fünf Meter neben der Straße eine Frau die Schafe hütete. Meine Bienenhaben stechen, stechen, stechen. Madame, es tut mir leid! Jetzt blüht die Akazie, habe ich gesagt. Kein Problem! Es gibt kein Problem!“
Der 1950 in der Kleinstadt Smederova bei Belgrad geborene Imker hatte immer schon eine Liebe zu Gärten und Natur. Nach dem Studium des Bauingenieurwesens kaufte er gemeinsam mit seiner Frau ein Haus mit Garten in Palić. Als Erstes pflanzte er Marillenbäume im Garten. „Ich freute mich auf den Frühling, die Bäume blühten aber im Sommer gab es keine Früchte. Ich dachte, dass dies eine Folge der schlechten Bestäubung ist.“ Er besorgte sich Literatur zur Imkerei und die ersten Bienen-stöcke. „Ich hatte damals nur 500 DM im Haus und habe für 360 DM drei Bienenstöcke gekauft. Gegen den heftigen Widerstand meiner Frau“, erzählt er lachend von seinen Anfängen als Imker. „Imker ist, wer mindestens fünf Jahre hintereinander einen Bienenstock mit Bienen hat“ lautet eine seiner Überzeugungen. Eine weitere: „Ein ernsthafter Imker ist, wer mindestens 50 Völker betreut und die Biene an die erste Stelle setzt.“ Die Honigpreise in Serbien sind bescheiden. Fünf bis sieben Euro erzielen Imker pro Kilogramm wenn sie ihren Honig ab Hof verkaufen. Der Großhandel zahlt lediglich etwas mehr als die Hälfte. 50 Prozent einer durchschnittlichen Jahresernte von 7.000 t Honig gehen in den Export, in erster Linie nach Norwegen und Italien. In einem Land in dem viele Menschen nicht mehr als 400 Euro pro Monat verdienen, ist die Imkerei ein willkommenes Zubrot. Das erklärt auch die Zahl der vielen Neueinsteiger.
„Ich selbst habe die Imkerei zum ungünstigsten Zeitpunkt begonnen, nämlich während dieses verdammten Krieges, genauer gesagt im August 1991. Aber ich sage oft, dass ich viele wunderbare Freunde gewonnen habe, seit ich in die wunderbare Welt der Bienen eingetreten bin. Freunde in aller Welt.“ Als langjähriger Präsident des serbischen Imkerverbandes bereiste Živoslav viele Länder. →
„Die Biene ist Symbol für die kollektive Arbeit, für die perfekte Gesellschaft. Jeder Teil der Familie muss helfen, jede Schwester, jeder Bruder. Es gibt keinen Individualismus alles ist kollektiv. Das Leben im Bienenvolk ist eine Art von Kommunismus“, fügt er noch hinzu.
Am folgenden Tag machen wir uns auf dem Weg zu einer Imkertagung in Novi Sad, der Hauptstadt der Vojvodina. Wir parken das Auto unter mächtigen Platanen. Über uns das Gekrächze von dutzenden Krähen, die eine ganze Kolonie von Nestern in unmittelbarer Nachbarschaft angelegt hatten. Wieder erzählt der Imker Begebenheiten aus dem Krieg. Während der „NATO Aktion“ seien die Vögel aus der Stadt verschwunden und erst viele Jahren später wieder zurückgekehrt. Und Novi Sad sei die Stadt der zerstörten Brücken. Die Nato hatte alle drei Donaubrücken bombardiert. Im Flussbett sieht man außerdem noch die Überreste der alten Eisenbahnbrücke, die im ersten Weltkrieg gesprengt wurde.
Das Mittagessen mit serbischen Imkervertretern findet im Restaurant Balkan Ekspres statt. Das Lokal bietet einen großzügigen Blick auf eine imposante Flussbiegung der Donau. Im Fin de siècle-Ambiente des Restaurants geht sehr rasch jedes Zeitgefühl verloren. Živoslav erweist sich als souveräner Unterhalter am Tisch. Im Kreise seiner Kollegen genießt er großes Ansehen. Etwas verloren wirken die muslimischen Imkervertreter aus Bosnien angesichts einer riesigen „Mixfleischplatte von Schwein“. Erst auf Nachfrage serviert der Kellner auch Fisch. Als Souvenir des Nachmittags bleibt der Geruch des Balkans in den Kleidern: Eine Mischung von billigem Parfum und kaltem Zigarettenrauch.
Abends dann noch ein Besuch im sehenswerten Imkereimuseum in Sremski Karlovci. Es war die Wirkstätte von Jovan Zivanović, eines berühmten serbischen Bienenforschers (1841-1916). Imkergeräte aus mehreren Jahrhunderten finden sich in der Sammlung. Das Prunkstück der Ausstellung ist ein historischer Bienenstock in Form einer orthodoxen Kirche. Am Eingang des Museums steht eine monumentale Rosskastanie, gepflanzt wohl noch in der Zeit der Osmanen-herrschaft. Auf der Rückfahrt durch Sremski Karlovci säumen spärlich renovierte, altertümliche Bauten die Landstraße. Tieferliegend, unterhalb einer Geländestufe liegt in der Abenddämmerung eine Flusslandschaft wie gemalt von alten Meistern: Teiche, Sümpfe und riesige Schilfflächen. Zwischen Landstraße und Fluss führt die neugebaute Trasse des Schnellzuges Belgrad-Budapest. Ein Zug donnert vorbei als demonstriere er den Aufbruch Serbiens in ein neues Zeitalter.
„Merci pour votre amitie.“ Der Abschied von Zika fällt ausgesprochen herzlich aus. ♦
Bezugsquelle für Seidenpflanzenhonig:
Živoslav Stojanović (spricht Französisch)
Evropska 4, 24413 Palić
zikastoj@gmail.com
Tel: +38/163510598
Reisetipps:
Imkereimuseum/Sremksi Karlovci
Restaurant Balkan Ekspres/Novi Sad
Seidenpflanzenhonig ist außerhalb von Serbien wenig bekannt. Der Farbton ist rotbraun. Die Kristallisation erfolgt erst nach mehreren Monaten. Der Honig zeigt intersive florale Aromen im Geruch und am Gaumen. Die Nachfrage nach dieser Honigrarität ist groß, so groß dass dieser Honig meist sehr schnell ausverkauft ist.
Während des anschließenden Gesprächs im Hause des Imkers unterbrechen immer wieder dramatische Fernsehnachrichten aus der Ukraine das Interview. Das serbische Staatsfernsehen ist in mehreren Räumen des Hauses präsent und zeigt wie eine riesige Menschenmenge eine russische Fahne durch die Straßen Belgrads trägt. Auf der Frage, wo der Balkan beginnt, sagt Živoslav : „Balkan ist dort, wo die Osmanen waren. In Zentralserbien 400 Jahre, bei uns in der Vojvodina nur 150.“
„Honig gibt es nur auf Achsen und Rädern“ ist einer der Leitsprüche des Imkers. Damit meint er, dass gute Ernten nur durch Wanderung mit den Bienenvölkern möglich seien. Die Wanderimkerei ist in Serbien weit verbreitet. Auch Živoslav verlädt seine blauen Container alljährlich auf einen Lastwagen um mit seinen Bienen Richtung Süden zu fahren: Etwa 50 km in die ertragreichste Sonnenblumenzone um die Stadt Bačka oder 300 Kilometer in die Akazienblüte in der Region Homolje. In diesem Naturpark am Eisernen Tor hat er auch seinen Lieblingsplatz. Die Region mit ihren großen Wäldern sei wunderschön, erzählt der Imker und seine Bewohner, die Walachen hätten eine große Liebe zu Bienen. „Alle Menschen dort lieben die Bienen, das ist fantastisch für mich. Bei uns nicht. Bei uns sagen sie, was soll das? Warum fliegen Bienen um mein Haus. In Homolje war fünf Meter neben der Straße eine Frau die Schafe hütete. Meine Bienenhaben stechen, stechen, stechen. Madame, es tut mir leid! Jetzt blüht die Akazie, habe ich gesagt. Kein Problem! Es gibt kein Problem!“
Der 1950 in der Kleinstadt Smederova bei Belgrad geborene Imker hatte immer schon eine Liebe zu Gärten und Natur. Nach dem Studium des Bauingenieurwesens kaufte er gemeinsam mit seiner Frau ein Haus mit Garten in Palić. Als Erstes pflanzte er Marillenbäume im Garten. „Ich freute mich auf den Frühling, die Bäume blühten aber im Sommer gab es keine Früchte. Ich dachte, dass dies eine Folge der schlechten Bestäubung ist.“ Er besorgte sich Literatur zur Imkerei und die ersten Bienen-stöcke. „Ich hatte damals nur 500 DM im Haus und habe für 360 DM drei Bienenstöcke gekauft. Gegen den heftigen Widerstand meiner Frau“, erzählt er lachend von seinen Anfängen als Imker. „Imker ist, wer mindestens fünf Jahre hintereinander einen Bienenstock mit Bienen hat“ lautet eine seiner Überzeugungen. Eine weitere: „Ein ernsthafter Imker ist, wer mindestens 50 Völker betreut und die Biene an die erste Stelle setzt.“ Die Honigpreise in Serbien sind bescheiden. Fünf bis sieben Euro erzielen Imker pro Kilogramm wenn sie ihren Honig ab Hof verkaufen. Der Großhandel zahlt lediglich etwas mehr als die Hälfte. 50 Prozent einer durchschnittlichen Jahresernte von 7.000 t Honig gehen in den Export, in erster Linie nach Norwegen und Italien. In einem Land in dem viele Menschen nicht mehr als 400 Euro pro Monat verdienen, ist die Imkerei ein willkommenes Zubrot. Das erklärt auch die Zahl der vielen Neueinsteiger.
„Ich selbst habe die Imkerei zum ungünstigsten Zeitpunkt begonnen, nämlich während dieses verdammten Krieges, genauer gesagt im August 1991. Aber ich sage oft, dass ich viele wunderbare Freunde gewonnen habe, seit ich in die wunderbare Welt der Bienen eingetreten bin. Freunde in aller Welt.“ Als langjähriger Präsident des serbischen Imkerverbandes bereiste Živoslav viele Länder. →
„Die Biene ist Symbol für die kollektive Arbeit, für die perfekte Gesellschaft. Jeder Teil der Familie muss helfen, jede Schwester, jeder Bruder. Es gibt keinen Individualismus alles ist kollektiv. Das Leben im Bienenvolk ist eine Art von Kommunismus“, fügt er noch hinzu.
Am folgenden Tag machen wir uns auf dem Weg zu einer Imkertagung in Novi Sad, der Hauptstadt der Vojvodina. Wir parken das Auto unter mächtigen Platanen. Über uns das Gekrächze von dutzenden Krähen, die eine ganze Kolonie von Nestern in unmittelbarer Nachbarschaft angelegt hatten. Wieder erzählt der Imker Begebenheiten aus dem Krieg. Während der „NATO Aktion“ seien die Vögel aus der Stadt verschwunden und erst viele Jahren später wieder zurückgekehrt. Und Novi Sad sei die Stadt der zerstörten Brücken. Die Nato hatte alle drei Donaubrücken bombardiert. Im Flussbett sieht man außerdem noch die Überreste der alten Eisenbahnbrücke, die im ersten Weltkrieg gesprengt wurde.
Das Mittagessen mit serbischen Imkervertretern findet im Restaurant Balkan Ekspres statt. Das Lokal bietet einen großzügigen Blick auf eine imposante Flussbiegung der Donau. Im Fin de siècle-Ambiente des Restaurants geht sehr rasch jedes Zeitgefühl verloren. Živoslav erweist sich als souveräner Unterhalter am Tisch. Im Kreise seiner Kollegen genießt er großes Ansehen. Etwas verloren wirken die muslimischen Imkervertreter aus Bosnien angesichts einer riesigen „Mixfleischplatte von Schwein“. Erst auf Nachfrage serviert der Kellner auch Fisch. Als Souvenir des Nachmittags bleibt der Geruch des Balkans in den Kleidern: Eine Mischung von billigem Parfum und kaltem Zigarettenrauch.
Abends dann noch ein Besuch im sehenswerten Imkereimuseum in Sremski Karlovci. Es war die Wirkstätte von Jovan Zivanović, eines berühmten serbischen Bienenforschers (1841-1916). Imkergeräte aus mehreren Jahrhunderten finden sich in der Sammlung. Das Prunkstück der Ausstellung ist ein historischer Bienenstock in Form einer orthodoxen Kirche. Am Eingang des Museums steht eine monumentale Rosskastanie, gepflanzt wohl noch in der Zeit der Osmanen-herrschaft. Auf der Rückfahrt durch Sremski Karlovci säumen spärlich renovierte, altertümliche Bauten die Landstraße. Tieferliegend, unterhalb einer Geländestufe liegt in der Abenddämmerung eine Flusslandschaft wie gemalt von alten Meistern: Teiche, Sümpfe und riesige Schilfflächen. Zwischen Landstraße und Fluss führt die neugebaute Trasse des Schnellzuges Belgrad-Budapest. Ein Zug donnert vorbei als demonstriere er den Aufbruch Serbiens in ein neues Zeitalter.
„Merci pour votre amitie.“ Der Abschied von Zika fällt ausgesprochen herzlich aus. ♦
Bezugsquelle für Seidenpflanzenhonig:
Živoslav Stojanović (spricht Französisch)
Evropska 4, 24413 Palić
zikastoj@gmail.com
Tel: +38/163510598
Reisetipps:
Imkereimuseum/Sremksi Karlovci
Restaurant Balkan Ekspres/Novi Sad