Rumänien – Der Honig aus dem Delta
Rumänien – Der Honig aus dem Delta
Auffallend auf der stark befahrenen Autobahn zwischen Szeged und Arad ist eine besondere Form des freien Warenhandels in der EU, nämlich die hohe Zahl der Lastwägen, die Autos transportieren. Fabriksneue der Marke Dacia, mit Planen abgedeckt, von Ost nach West und Gebrauchtwagen verschiedener Marken in die Gegenrichtung, wieder zurück nach Rumänien.
Wir besuchen Siebenbürgen und einen der bekanntesten Imker Rumäniens. Wilhelm Tartler, 44, ist ein Siebenbürger Sachse, der sich nach dem Studium der Bio-Landwirtschaft in Deutschland entschieden hat, in das Land seiner Ahnen zurückzukehren um sich mit Bio-Honig eine Existenz aufzubauen. Seine gesamte Familie war nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Regimes nach Deutschland gezogen. Wilhelm war damals neun Jahre alt.
Wir treffen ihn in seinem Haus in Hahnbach, direkt neben der alten evangelischen Kirche. Er lebt hier seit 15 Jahren im alten Pfarrhof inmitten eines großen Obstgartens und einigen baufälligen Schuppen, mit vielen Bienenstöcken, siebenbürgischen Hühnern und etlichen Schafen.
An das altehrwürdige Gebäude ist er über seine damalige Freundin gekommen, die eine Pastorentochter war. Erst hat der Imker nur Bienen hierher gestellt, später dann das ganze Haus von der Kirche gepachtet. Die benachbarte alte Schule mit hohen Räumen und Böden mit Fischgrät-Parkett nutzt er für seine Honigverarbeitung. „Das Haus stand 20 Jahre lang leer und der Garten war völlig verwildert“ erzählt Wilhelm. Und weiter: „Ich hatte ja nur mein Diplom in der Hand, sonst nichts. Kein Kapital, gar nichts, null. Nichts war in Ordnung, auch jetzt ist nichts in Ordnung. Ich gehe nur jedes Jahr auf den Dachboden und schaue nach, wo es feuchte Stellen gibt. Da schiebe ich Ziegel nach. Ich kann nicht alles machen, das ist unmöglich“. Und er ergänzt nicht ohne Ironie: „Ich bin ja im Prinzip immer noch ein besitzloser Mensch. Außerdem mache ich nix ordentlich“. Und auch die evangelische Kirche in Siebenbürgen habe kein Geld, da die Gläubigen fehlen und deren Spenden. Dafür besitze sie aber etwa 160 solcher Halbruinen.
Siebenbürgen wird rumänisch auch als Transsylvanien bezeichnet. Es ist eine hügelige Waldregion am Ostrand der ungarischen Tiefebene, die im Osten, Süden und Westen von Bergen umgeben ist. Die Region war fast 1.000 Jahre lang ein Teil Ungarns und gehört erst seit 1918 zu Rumänien. →
Die Siebenbürger Sachsen sind neben den Banatern die größte Gruppe von Deutschen auf dem Gebiet des heutigen Rumänien. Die Geschichte ihrer Ansiedlung reicht bis ins 12. Jahrhundert zurück. Sie wurden damals von ungarischen Königen angeworben, die Siedler und Soldaten im Osten des Landes benötigten. Wer sich entschloss, sich im Karpatenbogen niederzulassen, wurde mit einer Reihe von Privilegien ausgestattet: Freiheit im Tausch gegen Dienstpflichten. Im 16. Jahrhundert wandten sich die Siebenbürger Sachsen sehr rasch den Lehren Martin Luthers zu.
In der Zeit zwischen dem Zweiten Weltkrieg und den Jahren unmittelbar nach dem Fall des Kommunismus in Rumänien kam es zu einem regelrechten Exodus der Siebenbürger Sachsen.
Lebten vor dem Ersten Weltkrieg noch mehr als 800.000 Angehörige der deutschsprachigen Minderheit in Rumänien, so sind es heute nur noch rund 15.000, ein Großteil davon Siebenbürger Sachsen. Doch ihr Einfluss bleibt sichtbar: In deutschsprachigen Schulen, Studiengängen und den historischen Kirchenburgen, die mittlerweile Unesco-Weltkulturerbe sind.
Rumänien ist gemeinsam mit Ungarn und Deutschland eines der größten Honigproduktionsländer der EU. Günstige Klimabedingungen und eine Vielzahl an Bienentrachtpflanzen ermöglichen eine Jahresproduktionsmenge von etwa 30.000 Tonnen Honig. Akazienwälder bedecken 120.000 ha vorwiegend in den Hügelzonen. 54.000 ha Lindenwald machen Rumänien zu einem bedeutenden Produzenten von Lindenhonig. Die wichtigsten Honige aus Feldkulturen stammen von Raps und Sonnenblume.
Wilhelm Tartlers Liebe zu Honig verdankt der gelernte Kfz-Mechaniker einer Erkenntnis, die er im Rahmen seines Studienprojektes „Obstbau und Imkerei“ im deutschen Witzenhausen gewonnen hat: „Ich war fasziniert von der Schwarmimkerei in der Lüneburger Heide und hab mit einem Korb und einem Schwarm angefangen. In den ersten drei, vier Jahre des Studiums hat mich Honig gar nicht interessiert. Ich habe nur Schwärme wegfliegen lassen. Irgendwann waren die Völker so voll, da hab ich unten Waben rausgeschnitten und sie mit auf die Uni genommen. Da war ich auf einmal so wichtig. Alle waren so begeistert von dem Honig. Für Tage war ich so der Wichtigste an der Uni, weil ich Wabenhonig hatte. Und so bin ich auf den Honig gekommen.“ ↓
Auffallend auf der stark befahrenen Autobahn zwischen Szeged und Arad ist eine besondere Form des freien Warenhandels in der EU, nämlich die hohe Zahl der Lastwägen, die Autos transportieren. Fabriksneue der Marke Dacia, mit Planen abgedeckt, von Ost nach West und Gebrauchtwagen verschiedener Marken in die Gegenrichtung, wieder zurück nach Rumänien.
Wir besuchen Siebenbürgen und einen der bekanntesten Imker Rumäniens. Wilhelm Tartler, 44, ist ein Siebenbürger Sachse, der sich nach dem Studium der Bio-Landwirtschaft in Deutschland entschieden hat, in das Land seiner Ahnen zurückzukehren um sich mit Bio-Honig eine Existenz aufzubauen. Seine gesamte Familie war nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Regimes nach Deutschland gezogen. Wilhelm war damals neun Jahre alt.
Wir treffen ihn in seinem Haus in Hahnbach, direkt neben der alten evangelischen Kirche. Er lebt hier seit 15 Jahren im alten Pfarrhof inmitten eines großen Obstgartens und einigen baufälligen Schuppen, mit vielen Bienenstöcken, siebenbürgischen Hühnern und etlichen Schafen.
An das altehrwürdige Gebäude ist er über seine damalige Freundin gekommen, die eine Pastorentochter war. Erst hat der Imker nur Bienen hierher gestellt, später dann das ganze Haus von der Kirche gepachtet. Die benachbarte alte Schule mit hohen Räumen und Böden mit Fischgrät-Parkett nutzt er für seine Honigverarbeitung. „Das Haus stand 20 Jahre lang leer und der Garten war völlig verwildert“ erzählt Wilhelm. Und weiter: „Ich hatte ja nur mein Diplom in der Hand, sonst nichts. Kein Kapital, gar nichts, null. Nichts war in Ordnung, auch jetzt ist nichts in Ordnung. Ich gehe nur jedes Jahr auf den Dachboden und schaue nach, wo es feuchte Stellen gibt. Da schiebe ich Ziegel nach. Ich kann nicht alles machen, das ist unmöglich“. Und er ergänzt nicht ohne Ironie: „Ich bin ja im Prinzip immer noch ein besitzloser Mensch. Außerdem mache ich nix ordentlich“. Und auch die evangelische Kirche in Siebenbürgen habe kein Geld, da die Gläubigen fehlen und deren Spenden. Dafür besitze sie aber etwa 160 solcher Halbruinen.
Siebenbürgen wird rumänisch auch als Transsylvanien bezeichnet. Es ist eine hügelige Waldregion am Ostrand der ungarischen Tiefebene, die im Osten, Süden und Westen von Bergen umgeben ist. Die Region war fast 1.000 Jahre lang ein Teil Ungarns und gehört erst seit 1918 zu Rumänien. →
Die Siebenbürger Sachsen sind neben den Banatern die größte Gruppe von Deutschen auf dem Gebiet des heutigen Rumänien. Die Geschichte ihrer Ansiedlung reicht bis ins 12. Jahrhundert zurück. Sie wurden damals von ungarischen Königen angeworben, die Siedler und Soldaten im Osten des Landes benötigten. Wer sich entschloss, sich im Karpatenbogen niederzulassen, wurde mit einer Reihe von Privilegien ausgestattet: Freiheit im Tausch gegen Dienstpflichten. Im 16. Jahrhundert wandten sich die Siebenbürger Sachsen sehr rasch den Lehren Martin Luthers zu.
In der Zeit zwischen dem Zweiten Weltkrieg und den Jahren unmittelbar nach dem Fall des Kommunismus in Rumänien kam es zu einem regelrechten Exodus der Siebenbürger Sachsen.
Lebten vor dem Ersten Weltkrieg noch mehr als 800.000 Angehörige der deutschsprachigen Minderheit in Rumänien, so sind es heute nur noch rund 15.000, ein Großteil davon Siebenbürger Sachsen. Doch ihr Einfluss bleibt sichtbar: In deutschsprachigen Schulen, Studiengängen und den historischen Kirchenburgen, die mittlerweile Unesco-Weltkulturerbe sind.
Rumänien ist gemeinsam mit Ungarn und Deutschland eines der größten Honigproduktionsländer der EU. Günstige Klimabedingungen und eine Vielzahl an Bienentrachtpflanzen ermöglichen eine Jahresproduktionsmenge von etwa 30.000 Tonnen Honig. Akazienwälder bedecken 120.000 ha vorwiegend in den Hügelzonen. 54.000 ha Lindenwald machen Rumänien zu einem bedeutenden Produzenten von Lindenhonig. Die wichtigsten Honige aus Feldkulturen stammen von Raps und Sonnenblume.
Wilhelm Tartlers Liebe zu Honig verdankt der gelernte Kfz-Mechaniker einer Erkenntnis, die er im Rahmen seines Studienprojektes „Obstbau und Imkerei“ im deutschen Witzenhausen gewonnen hat: „Ich war fasziniert von der Schwarmimkerei in der Lüneburger Heide und hab mit einem Korb und einem Schwarm angefangen. In den ersten drei, vier Jahre des Studiums hat mich Honig gar nicht interessiert. Ich habe nur Schwärme wegfliegen lassen. Irgendwann waren die Völker so voll, da hab ich unten Waben rausgeschnitten und sie mit auf die Uni genommen. Da war ich auf einmal so wichtig. Alle waren so begeistert von dem Honig. Für Tage war ich so der Wichtigste an der Uni, weil ich Wabenhonig hatte. Und so bin ich auf den Honig gekommen.“ ↓
Wilhelm startete in Siebenbürgen mit Obstbauberatung und war jahrelang auch Kontrollor für Biolandwirtschaft. Seine Reisen, von denen er heute noch schwärmt, führten ihn unter anderem in die bulgarischen Rhodopen, wo er Wildsammlung für Mandel und Wacholder zertifizierte. Zusätzlich legte der junge Landwirt eine Baumschule an. Die Obstbaumverkäufe hatten gut begonnen, doch dann kam der EU-Beitritt und damit die riesigen Pflanzenmärkte, die Bäume von irgendwoher für wenig Geld verkauften, wie er sagt. In der Corona-Zeit hat er dann seine Völkerzahl von 150 auf 300 verdoppelt und seit drei Jahren lebt er nur noch von der Imkerei.
In etlichen Wanderungen bringt der Imker seine Bienen in verschiedene Regionen des Landes zu Raps, Sonnenblume und Linde. Viele Jahre lang reisten seine Bienen auch ins rumänische Donaudelta, in die sogenannte Dobrudscha. Ein Honig aus dem Delta, der von einem Imkerfreund stammt, sticht bei der Verkostung besonders hervor: Leuchtender oranger Farbton, belebende Säure und kühle Frische am Gaumen mit delikaten Fruchtaromen. Es handelt sich um einen Minzehonig. Er stammt aus Zonen des Deltas, in denen nach der jährlichen Überflutung die spezifische und arten-reiche Vegetation des Gebiets hervortritt. Beträgt der Anteil an Wasserminze (lat. mentha aquatica) über 70 % darf dieser rare Honig als Minzehonig (rumän. miere de mentă) verkauft werden. Der lange Blühzeitraum der Wasserminze, die wahre Wiesen an den Ufern und den angrenzenden Kanälen bildet, reicht von Juli bis Oktober.
„Honig und auch alle anderen Bienenprodukte sind für mich Grundnahrungsmittel“, sagt der Imker
in seinem markanten Dialekt, der dem luxemburgischen ähnelt. Und weiter: „Ich bin überzeugt , dass da fasst alles drin ist, was wir brauchen. Es kommt öfter vor, dass ich abends ein halbes Glas Honig esse. Ich mag frisches Weißbrot und da schmiere ich Butter drauf, dann gebe ich da dunklen Waldhonig drüber und Sauerrahm und dann ein Bier dazu. Da steh ich voll drauf.“ Und er ergänzt: „Honig repräsentiert den Ort wo ich lebe und arbeite. Das Rundherum, wo ich lebe, ist im Honig drin.“ Aber er sei kein Geschmacksfetischist, kein Weinkenner.
„Die Leute fragen hier nicht wie schmeckt der Honig, sondern wofür ist er gut“, erklärt der Imker.
Die gesundheitlichen Aspekte des Honigkonsums stehen, wie auch in anderen Ländern Südosteuropas im Vordergrund. Der Honig aus dem Delta etwa gilt als krampflösend, da er die bei Gallenkoliken auftretenden Schmerzen lindert, die Verdauung anregt und Blähungen reduziert. Er enthält große Mengen an Vitamin C und auch an ätherischen Ölen, die für Minzeblüten typisch sind.
In Rumänien leben geschätzte 5.000 Bären, der Großteil davon in den Karpaten Siebenbürgens. Dass es so viele sind, liegt auch daran, dass Diktator Nicolae Ceaușescu und seine Funktionäre die einzigen waren, die Bären abschießen durften – und die Population für ihre Jagden künstlich nach oben getrieben wurde. Ob es Probleme mit Imkern gibt? „Erst vorgestern hatte ich einen am Bienenstand“, erzählt Wilhelm. „Ich habe an allen Ständen zwei Elektrozäune laufen, ständig, das ganze Jahr über. Das kostet mich tausende Euro pro Jahr und wir kriegen keine Hilfe vom Staat. Ich lebe von den Bienen und weiß nicht, ob der Bär inzwischen nicht schon wieder da war. Ich kann mich so aufregen über diese NGOs aus dem Westen. Die kommen auf Urlaub zu uns und wollen Bären sehen und wir haben die Probleme. Der Imker hat mittlerweile eine eigene Lösung für dieses Problem: „Wenn ich einen Bären sehe, rufe ich einen Kumpel an, der erschießt ich. Ich kriege eine Wurst und alles ist gut.“
Noch einen prominenten Bewohner Siebenbürgens gibt es, der guten Honig nicht verschmäht haben soll. Vlad III Drăculea, genannt Graf Dracula ernährte sich nicht nur von Blut allein. Auch guten Honig soll er, zumindest der Legende nach, geschätzt haben. Blut & Honig eben, in guter alter Balkan-tradition…
Der touristische Drăcula-Rummel erreicht im siebenbürgischen Ort Bran seinen Höhepunkt. Das einstige Bergdorf samt Schloß war 1999 von einem findigen amerikanischen Geschäftsmann aus dem Dornröschenschlaf gerissen worden. Mit Pauschalreisen werden seither Gruseltouristen aus aller Welt angelockt. Es gibt ein Multiplex Kino in dem täglich Horrorfilme gezeigt werden. Kioske mit Drăcula-Fanartikeln säumen die Straßen. Gothic Bands spielen zum Tanz der Vampire auf. Unsicher ist, ob Vlad III Drăculea jemals diesen Ort betreten hat. Historisch gesichert ist hingegen, dass der berühmte Walachenfürst, der im 15. Jahrhundert seine Heimat heldenhaft gegen das vordringende osmanische Heer verteidigt hat, einem ganz besonderen Hobby frönte: Der Hinrichtung seiner gefangene Feinde durch Pfählen. Und das in mannigfaltiger Art und Weise. Ein Zeitgenosse, nämlich der päpstliche Gesandte Nicolo de Modrusa, hat eine wenig schmeichelhafte Beschreibung von Vlad III hinterlassen: „Vlad der Pfähler war ein nicht sehr großer Mann, aber sehr stark und mit einem furchterregenden Aussehen. Er hatte eine große Höckernase, ein schmales, etwas rötliches Gesicht, lange Augenlider und grüne Augen. Das Gesicht und das Kinn waren rasiert, nicht aber der Schnurrbart. Die Schläfen waren aufgeschwollen und ein Stierhals verband seinen hohen Nacken mit den breiten Schultern, auf die lange schwarze und lockige Haare fielen.“ →
Ist Siebenbürgen eigentlich Teil des Balkans, frage ich Wilhelm Tartler gegen Ende des Gespräches. „Siebenbürgen eher nicht. Aber wenn man jetzt von Rumänien spricht, würde ich sagen, der Osten und Süden ist Balkan aber Siebenbürgen eigentlich noch nicht. Von der Mentalität der Menschen sind die Karpaten für mich eine Grenze. Wir Siebenbürger sind in der Mentalität wie die Ungarn oder die Österreicher. Klausenburg, Hermanstadt, Temesvar und Arad sind keine Balkanstädte. Bukarest ist Balkan.“ Der Imker folgt damit einem häufig anzutreffenden Narrativ: Der Balkan, das sind immer die anderen.
„Hermannstadt ist entzückend, bestes, altes, gutes Deutschland. Winklige Gassen, eine wundervolle Bevölkerung, sehr gutes Essen, nicht zu vergessen“, schrieb der in Rumänien als Feldpolizist eingesetzte Kurt Tucholsky 1918 an seine spätere Ehefrau. Die Europäische Kulturhauptstadt des Jahres 2007 hat ihren Charme bewahrt. Die nächtlichen Fassaden der Piața Mare erstrahlen in voller Pracht und auch die Preise in den Restaurants zeugen vom Selbstbewusstsein der größten Stadt in Siebenbürgen. Und das Essen ist, zumindest im Restaurant Kombinat, einem Brauereiwirtshaus in einem Industriebau am Rande der Altstadt, vorzüglich.
Was die Zukunft des ländlichen Siebenbürgens anbelangt, ist Wilhelm Tartler allerdings wenig optimistisch: „Die Dörfer Siebenbürgens werden ein Paradies für Westler werden. Der Westen wird uns leerfegen. Sie werden uns auslutschen bis zum Geht-nicht-mehr. Sie holen uns die Menschen weg und die Ressourcen. Und die Wildnis, die sich hier ausbreitet, werden sie nutzen um sich zu erholen“. Idyllisch, strukturschwach und zugewachsen werde die Zukunft Siebenbürgens sein, lautet seine Prognose.
Die Autofahrt durch die Dörfer Siebenbürgens gleicht einer Zeitreise. Das Städtische endet jäh bei Großscheuern. Ein Gehsteig ist zugleich Brücke über ein Rinnsal. Auf Betonsockeln steht vor jedem Haus ein Gartenzwerg, Adler oder Löwe aus Plastik. Auch ein Osterhase ist dabei. Knapp vor dem Ort Bell kommen uns die ersten Pferdefuhrwerke entgegen, die auf kleinen hölzernen Wagen Mist auf die Felder transportieren. Arm, aber doch reich an agrarischem Leben umgibt den Ort eine einzigartige Geräuschkulisse: Kindergeschrei, Hähne, Hunde, Lämmer, Kühe und Vogelgezwitscher.
Die Landschaft ist geprägt von winterbraunem Weideland im Wechsel mit grünen Streifen von Getreide und Wald. Rauchschwaden wechseln mit dem Geruch von kalter Asche. Das Abbrennen von Gräben und Böschungen ist allgegenwärtig und die Landschaft übersät mit frischen und vernarbten Brandwunden.
Im verfallenen Martinsdorf weist uns eine Romafamilie den Weg weiter nach Almen.
Streckhöfe mit buntbemalten Stirnseiten entlang eines Baches dominieren das Erscheinungsbild dieses Dorfes. Hinter den Häusern liegen die Parzellen der Obst- und Gemüsegärten. Darüber ist Weideland und Wald. Viele Gebäude werden gerade renoviert, einige geradezu luxuriös. Den Ort überragt eine mächtige Kirchenburg. Auf dem Friedhof dominieren wenige deutsche Familiennamen die Gräber. Verblichene Hinweisschilder zeugen von zaghaften touristischen Infrastrukturmaßnahmen aus früheren Jahren. Ein agrartouristisches Simulationsprojekt soll hier entstehen, ein Kompetenz-zentrum für Handwerk und Landwirtschaft in dem mittelalterliches Dorfleben nachgespielt wird. Finanziert vom Mihai Eminescu Trust und gefördert von der EU.
Den Rummel um Drăcula sieht der Imker nüchtern: „Dracula wird ausgenutzt weil er in die Köpfe der Leute im Westen reingekommen ist und sich dort festgefahren hat. Du kannst Bücher drüber schreiben, daß das alles nicht stimmt. Das ist egal, das ist in den Köpfen drin und es funktioniert“.
Übrigens soll das Haupt des ermordeten Walachenfürsten Vlad III Drăculea in Honig eingelegt, dem Sultan als Geschenk nach Konstantinopel gebracht und dort, ganz nach der Sitte der Zeit auf einer Stange aufgespießt, zur Schau gestellt worden sein. Ob es sich dabei um Honig aus Siebenbürgen gehandelt hat ist leider nicht überliefert. ♦
Bezugsquelle Honig:
Imker Wilhelm Tartler (spricht deutsch)
Str. Cooperativei nr. 50
Sat Hamba, jud. Sibiu, Romania
www.miereecologica.ro
tartler@gmx.de
Tel: +40(0)749417077
Bezugsquelle für Minzehonig:
Imker Mihai Apostolescu
www.mieresincera.ro
Reisetipps:
Residence Poet Pastior / Sibiu
Restaurant Kombinat / Sibiu
Wilhelm startete in Siebenbürgen mit Obstbauberatung und war jahrelang auch Kontrollor für Biolandwirtschaft. Seine Reisen, von denen er heute noch schwärmt, führten ihn unter anderem in die bulgarischen Rhodopen, wo er Wildsammlung für Mandel und Wacholder zertifizierte. Zusätzlich legte der junge Landwirt eine Baumschule an. Die Obstbaumverkäufe hatten gut begonnen, doch dann kam der EU-Beitritt und damit die riesigen Pflanzenmärkte, die Bäume von irgendwoher für wenig Geld verkauften, wie er sagt. In der Corona-Zeit hat er dann seine Völkerzahl von 150 auf 300 verdoppelt und seit drei Jahren lebt er nur noch von der Imkerei.
In etlichen Wanderungen bringt der Imker seine Bienen in verschiedene Regionen des Landes zu Raps, Sonnenblume und Linde. Viele Jahre lang reisten seine Bienen auch ins rumänische Donaudelta, in die sogenannte Dobrudscha. Ein Honig aus dem Delta, der von einem Imkerfreund stammt, sticht bei der Verkostung besonders hervor: Leuchtender oranger Farbton, belebende Säure und kühle Frische am Gaumen mit delikaten Fruchtaromen. Es handelt sich um einen Minzehonig. Er stammt aus Zonen des Deltas, in denen nach der jährlichen Überflutung die spezifische und arten-reiche Vegetation des Gebiets hervortritt. Beträgt der Anteil an Wasserminze (lat. mentha aquatica) über 70 % darf dieser rare Honig als Minzehonig (rumän. miere de mentă) verkauft werden. Der lange Blühzeitraum der Wasserminze, die wahre Wiesen an den Ufern und den angrenzenden Kanälen bildet, reicht von Juli bis Oktober.
„Honig und auch alle anderen Bienenprodukte sind für mich Grundnahrungsmittel“, sagt der Imker
in seinem markanten Dialekt, der dem luxemburgischen ähnelt. Und weiter: „Ich bin überzeugt , dass da fasst alles drin ist, was wir brauchen. Es kommt öfter vor, dass ich abends ein halbes Glas Honig esse. Ich mag frisches Weißbrot und da schmiere ich Butter drauf, dann gebe ich da dunklen Waldhonig drüber und Sauerrahm und dann ein Bier dazu. Da steh ich voll drauf.“ Und er ergänzt: „Honig repräsentiert den Ort wo ich lebe und arbeite. Das Rundherum, wo ich lebe, ist im Honig drin.“ Aber er sei kein Geschmacksfetischist, kein Weinkenner.
„Die Leute fragen hier nicht wie schmeckt der Honig, sondern wofür ist er gut“, erklärt der Imker.
Die gesundheitlichen Aspekte des Honigkonsums stehen, wie auch in anderen Ländern Südosteuropas im Vordergrund. Der Honig aus dem Delta etwa gilt als krampflösend, da er die bei Gallenkoliken auftretenden Schmerzen lindert, die Verdauung anregt und Blähungen reduziert. Er enthält große Mengen an Vitamin C und auch an ätherischen Ölen, die für Minzeblüten typisch sind.
In Rumänien leben geschätzte 5.000 Bären, der Großteil davon in den Karpaten Siebenbürgens. Dass es so viele sind, liegt auch daran, dass Diktator Nicolae Ceaușescu und seine Funktionäre die einzigen waren, die Bären abschießen durften – und die Population für ihre Jagden künstlich nach oben getrieben wurde. Ob es Probleme mit Imkern gibt? „Erst vorgestern hatte ich einen am Bienenstand“, erzählt Wilhelm. „Ich habe an allen Ständen zwei Elektrozäune laufen, ständig, das ganze Jahr über. Das kostet mich tausende Euro pro Jahr und wir kriegen keine Hilfe vom Staat. Ich lebe von den Bienen und weiß nicht, ob der Bär inzwischen nicht schon wieder da war. Ich kann mich so aufregen über diese NGOs aus dem Westen. Die kommen auf Urlaub zu uns und wollen Bären sehen und wir haben die Probleme. Der Imker hat mittlerweile eine eigene Lösung für dieses Problem: „Wenn ich einen Bären sehe, rufe ich einen Kumpel an, der erschießt ich. Ich kriege eine Wurst und alles ist gut.“
Noch einen prominenten Bewohner Siebenbürgens gibt es, der guten Honig nicht verschmäht haben soll. Vlad III Drăculea, genannt Graf Dracula ernährte sich nicht nur von Blut allein. Auch guten Honig soll er, zumindest der Legende nach, geschätzt haben. Blut & Honig eben, in guter alter Balkan-tradition…
Der touristische Drăcula-Rummel erreicht im siebenbürgischen Ort Bran seinen Höhepunkt. Das einstige Bergdorf samt Schloß war 1999 von einem findigen amerikanischen Geschäftsmann aus dem Dornröschenschlaf gerissen worden. Mit Pauschalreisen werden seither Gruseltouristen aus aller Welt angelockt. Es gibt ein Multiplex Kino in dem täglich Horrorfilme gezeigt werden. Kioske mit Drăcula-Fanartikeln säumen die Straßen. Gothic Bands spielen zum Tanz der Vampire auf. Unsicher ist, ob Vlad III Drăculea jemals diesen Ort betreten hat. Historisch gesichert ist hingegen, dass der berühmte Walachenfürst, der im 15. Jahrhundert seine Heimat heldenhaft gegen das vordringende osmanische Heer verteidigt hat, einem ganz besonderen Hobby frönte: Der Hinrichtung seiner gefangene Feinde durch Pfählen. Und das in mannigfaltiger Art und Weise. Ein Zeitgenosse, nämlich der päpstliche Gesandte Nicolo de Modrusa, hat eine wenig schmeichelhafte Beschreibung von Vlad III hinterlassen: „Vlad der Pfähler war ein nicht sehr großer Mann, aber sehr stark und mit einem furchterregenden Aussehen. Er hatte eine große Höckernase, ein schmales, etwas rötliches Gesicht, lange Augenlider und grüne Augen. Das Gesicht und das Kinn waren rasiert, nicht aber der Schnurrbart. Die Schläfen waren aufgeschwollen und ein Stierhals verband seinen hohen Nacken mit den breiten Schultern, auf die lange schwarze und lockige Haare fielen.“ →
Ist Siebenbürgen eigentlich Teil des Balkans, frage ich Wilhelm Tartler gegen Ende des Gespräches. „Siebenbürgen eher nicht. Aber wenn man jetzt von Rumänien spricht, würde ich sagen, der Osten und Süden ist Balkan aber Siebenbürgen eigentlich noch nicht. Von der Mentalität der Menschen sind die Karpaten für mich eine Grenze. Wir Siebenbürger sind in der Mentalität wie die Ungarn oder die Österreicher. Klausenburg, Hermanstadt, Temesvar und Arad sind keine Balkanstädte. Bukarest ist Balkan.“ Der Imker folgt damit einem häufig anzutreffenden Narrativ: Der Balkan, das sind immer die anderen.
„Hermannstadt ist entzückend, bestes, altes, gutes Deutschland. Winklige Gassen, eine wundervolle Bevölkerung, sehr gutes Essen, nicht zu vergessen“, schrieb der in Rumänien als Feldpolizist eingesetzte Kurt Tucholsky 1918 an seine spätere Ehefrau. Die Europäische Kulturhauptstadt des Jahres 2007 hat ihren Charme bewahrt. Die nächtlichen Fassaden der Piața Mare erstrahlen in voller Pracht und auch die Preise in den Restaurants zeugen vom Selbstbewusstsein der größten Stadt in Siebenbürgen. Und das Essen ist, zumindest im Restaurant Kombinat, einem Brauereiwirtshaus in einem Industriebau am Rande der Altstadt, vorzüglich.
Was die Zukunft des ländlichen Siebenbürgens anbelangt, ist Wilhelm Tartler allerdings wenig optimistisch: „Die Dörfer Siebenbürgens werden ein Paradies für Westler werden. Der Westen wird uns leerfegen. Sie werden uns auslutschen bis zum Geht-nicht-mehr. Sie holen uns die Menschen weg und die Ressourcen. Und die Wildnis, die sich hier ausbreitet, werden sie nutzen um sich zu erholen“. Idyllisch, strukturschwach und zugewachsen werde die Zukunft Siebenbürgens sein, lautet seine Prognose.
Die Autofahrt durch die Dörfer Siebenbürgens gleicht einer Zeitreise. Das Städtische endet jäh bei Großscheuern. Ein Gehsteig ist zugleich Brücke über ein Rinnsal. Auf Betonsockeln steht vor jedem Haus ein Gartenzwerg, Adler oder Löwe aus Plastik. Auch ein Osterhase ist dabei. Knapp vor dem Ort Bell kommen uns die ersten Pferdefuhrwerke entgegen, die auf kleinen hölzernen Wagen Mist auf die Felder transportieren. Arm, aber doch reich an agrarischem Leben umgibt den Ort eine einzigartige Geräuschkulisse: Kindergeschrei, Hähne, Hunde, Lämmer, Kühe und Vogelgezwitscher.
Die Landschaft ist geprägt von winterbraunem Weideland im Wechsel mit grünen Streifen von Getreide und Wald. Rauchschwaden wechseln mit dem Geruch von kalter Asche. Das Abbrennen von Gräben und Böschungen ist allgegenwärtig und die Landschaft übersät mit frischen und vernarbten Brandwunden.
Im verfallenen Martinsdorf weist uns eine Romafamilie den Weg weiter nach Almen.
Streckhöfe mit buntbemalten Stirnseiten entlang eines Baches dominieren das Erscheinungsbild dieses Dorfes. Hinter den Häusern liegen die Parzellen der Obst- und Gemüsegärten. Darüber ist Weideland und Wald. Viele Gebäude werden gerade renoviert, einige geradezu luxuriös. Den Ort überragt eine mächtige Kirchenburg. Auf dem Friedhof dominieren wenige deutsche Familiennamen die Gräber. Verblichene Hinweisschilder zeugen von zaghaften touristischen Infrastrukturmaßnahmen aus früheren Jahren. Ein agrartouristisches Simulationsprojekt soll hier entstehen, ein Kompetenz-zentrum für Handwerk und Landwirtschaft in dem mittelalterliches Dorfleben nachgespielt wird. Finanziert vom Mihai Eminescu Trust und gefördert von der EU.
Den Rummel um Drăcula sieht der Imker nüchtern: „Dracula wird ausgenutzt weil er in die Köpfe der Leute im Westen reingekommen ist und sich dort festgefahren hat. Du kannst Bücher drüber schreiben, daß das alles nicht stimmt. Das ist egal, das ist in den Köpfen drin und es funktioniert“.
Übrigens soll das Haupt des ermordeten Walachenfürsten Vlad III Drăculea in Honig eingelegt, dem Sultan als Geschenk nach Konstantinopel gebracht und dort, ganz nach der Sitte der Zeit auf einer Stange aufgespießt, zur Schau gestellt worden sein. Ob es sich dabei um Honig aus Siebenbürgen gehandelt hat ist leider nicht überliefert. ♦
Bezugsquelle Honig:
Imker Wilhelm Tartler (spricht deutsch)
Str. Cooperativei nr. 50
Sat Hamba, jud. Sibiu, Romania
www.miereecologica.ro
tartler@gmx.de
Tel: +40(0)749417077
Bezugsquelle für Minzehonig:
Imker Mihai Apostolescu
www.mieresincera.ro
Reisetipps:
Residence Poet Pastior / Sibiu
Restaurant Kombinat / Sibiu