Armenien – Krieg um Honig

Armenien – Krieg um Honig

In einem Buch über die Geschichte Armeniens fällt mir ein Fotoportrait auf. Es zeigt einen etwa 60-jährigen Mann, grauer Vollbart, entschlossener Blick, ärmliche Kleidung (siehe Titelbild). Er steht vor einem sowjetischen Militärfahrzeug älterer Bauart, im Hintergrund unterhalten sich zwei junge Männer in Uniform. In seiner rechten Hand hält der Mann ein Buch. Das Foto trägt den Kommentar: „Bauer und Kämpfer, vertrieben aus Arzach, trägt in der Hand ein Buch über Imkerei.

Der Konflikt um Arzach, auch Bergkarabach genannt, gehört zu den wenigen Dingen, die man im Westen über Armenien weiß. Die seit Jahrhunderten von Armeniern besiedelte, völkerrechtlich jedoch zu Azerbaijan gehörige Region, war mehrfach Schauplatz von wechselseitigen, ethnischen Konflikten und brutalen Vertreibungen geworden. Zuletzt im Dezember 2023, als nahezu alle armenischstämmigen Bewohner vor der azerbaijanischen Armee aus Berg Karabach flüchteten.

Bienenwirtschaftlich besonders interessant ist der im Nordosten der Konfliktregion liegende Distrikt Karvajar.

Das fruchtbare Hochtal mit seinen etwa 100.000 Bewohnern und der Fläche Vorarlbergs gilt als Bienenparadies. Hohe Niederschläge und eine üppige Vegetation ermöglichen Honigernten von bis zu 60 Kilogramm pro Bienenvolk, eine Menge, die etwa doppelt so hoch ist wie die durchschnittliche Honigernte im Land.

„Der Honig aus Karvajar genießt hohes Ansehen und erzielt gute Preise, insbesondere auf dem russischen Markt“, erklärt Badraddin Hasratov, der Vorsitzende der azerbaijanischen Imkervereinigung, in einem Online-Interview. Er berichtet von ehrgeizigen Plänen der Regierung in Baku, wonach die „befreiten Gebiete“ mit bis zu 300.000 Bienenvölkern besiedelt werden sollen. So könnten die Honige von Bergkarabach künftig etwa ein Drittel der gesamten Honigernte Azerbaijans ausmachen und das Kaukasusland zu einem bedeutenden Honigexporteur aufsteigen. Honige, die früher unter der Gebietsbezeichnung „Karvajar“ von Armenien nach Russland und in einige europäische Länder geliefert wurden, könnten laut Hasratov künftig von Azerbaijan exportiert werden und ein wichtiger Devisenbringer für sein Land sein. →

Business ist wie Krieg. Das Geschäft ist ein lebendiger Organismus, es muss sich immer weiterentwickeln und vorwärtskommen. Und man kommt voran, indem man kleine Schlachten gewinnt“, sagt George Tabakyan im Interview mit dem Online-Magazin The Armenite. Die Militanz erstaunt auf dem ersten Blick, wirkt Tabakyan auf Fotos doch eher wie ein sonniger Südländer. Der im Libanon aufgewachsene Armenier weiß jedoch, wovon er spricht. Er ist Reserveoffizier in der armenischen Armee. Im Zivilberuf engagiert er sich seit Jahren für den Verkauf von armenischen Honigen im In- und Ausland. Einige seiner Honige, die er unter der Marke „Honey.am“ vermarktet, tragen konkrete Gebietsbezeichnungen und auf seiner Webseite wird auf einer kleinen Landkarte gezeigt, woher der Honig stammt. Beim Honig mit der Bezeichnung „Karvajar“ fehlt diese Karte. Der Grund: Karvajar liegt im heutigen Azerbaidjan.

Honig aus Karvajar

George Tabakyan hat ein vereinbartes Treffen knapp vor meiner Reise „aus terminlichen Gründen“ gecancelt. Auf Mail-Anfragen bezüglich der genauen Herkunft dieses Honigs hat er nicht geantwortet. Karvajar ist heute, ebenso wie Berg Karabach insgesamt, militärisches Sperrgebiet. Das Bereisen ist nur mit Erlaubnis der autoritären Regierung in Azerbaijan erlaubt. Weite Teile des Landes sind vermint. Und immer wieder sterben Imker durch Landminen.

Vigen Manatskanyan ist da auskunftsfreudiger. Der 36-jährige betreibt gemeinsam mit seiner Frau Sona in Alaverdi, einer ganz im Norden Armeniens gelegenen Industriestadt, die ARMBEE honey farm.  Inmitten von Bienenvölkern können Gäste in zwei komfortablen Chalets nächtigen oder in kleinen Holzhütten die Luft der darunter wohnenden Bienenvölker einatmen. Die 33-jährige Sona kocht für die Gäste und das vorzüglich. Das apitouristische Leitprojekt der nordarmenischen Region Lori wurde mit Mitteln der EU gefördert. Geplant sind weitere Ausbaustufen der ARMBEE honey farm. So soll hier ein nationales Imkerzentrum entstehen, das weit über Alaverdi hinauswirkt. ↓

In einem Buch über die Geschichte Armeniens fällt mir ein Fotoportrait auf. Es zeigt einen etwa 60-jährigen Mann, grauer Vollbart, entschlossener Blick, ärmliche Kleidung (siehe Titelbild). Er steht vor einem sowjetischen Militärfahrzeug älterer Bauart, im Hintergrund unterhalten sich zwei junge Männer in Uniform. In seiner rechten Hand hält der Mann ein Buch. Das Foto trägt den Kommentar: „Bauer und Kämpfer, vertrieben aus Arzach, trägt in der Hand ein Buch über Imkerei.

Der Konflikt um Arzach, auch Bergkarabach genannt, gehört zu den wenigen Dingen, die man im Westen über Armenien weiß. Die seit Jahrhunderten von Armeniern besiedelte, völkerrechtlich jedoch zu Azerbaijan gehörige Region, war mehrfach Schauplatz von wechselseitigen, ethnischen Konflikten und brutalen Vertreibungen geworden. Zuletzt im Dezember 2023, als nahezu alle armenischstämmigen Bewohner vor der azerbaijanischen Armee aus Berg Karabach flüchteten.

Bienenwirtschaftlich besonders interessant ist der im Nordosten der Konfliktregion liegende Distrikt Karvajar.

Das fruchtbare Hochtal mit seinen etwa 100.000 Bewohnern und der Fläche Vorarlbergs gilt als Bienenparadies. Hohe Niederschläge und eine üppige Vegetation ermöglichen Honigernten von bis zu 60 Kilogramm pro Bienenvolk, eine Menge, die etwa doppelt so hoch ist wie die durchschnittliche Honigernte im Land.

„Der Honig aus Karvajar genießt hohes Ansehen und erzielt gute Preise, insbesondere auf dem russischen Markt“, erklärt Badraddin Hasratov, der Vorsitzende der azerbaijanischen Imkervereinigung, in einem Online-Interview. Er berichtet von ehrgeizigen Plänen der Regierung in Baku, wonach die „befreiten Gebiete“ mit bis zu 300.000 Bienenvölkern besiedelt werden sollen. So könnten die Honige von Bergkarabach künftig etwa ein Drittel der gesamten Honigernte Azerbaijans ausmachen und das Kaukasusland zu einem bedeutenden Honigexporteur aufsteigen. Honige, die früher unter der Gebietsbezeichnung „Karvajar“ von Armenien nach Russland und in einige europäische Länder geliefert wurden, könnten laut Hasratov künftig von Azerbaijan exportiert werden und ein wichtiger Devisenbringer für sein Land sein. →

Business ist wie Krieg. Das Geschäft ist ein lebendiger Organismus, es muss sich immer weiterentwickeln und vorwärtskommen. Und man kommt voran, indem man kleine Schlachten gewinnt“, sagt George Tabakyan im Interview mit dem Online-Magazin The Armenite. Die Militanz erstaunt auf dem ersten Blick, wirkt Tabakyan auf Fotos doch eher wie ein sonniger Südländer. Der im Libanon aufgewachsene Armenier weiß jedoch, wovon er spricht. Er ist Reserveoffizier in der armenischen Armee. Im Zivilberuf engagiert er sich seit Jahren für den Verkauf von armenischen Honigen im In- und Ausland. Einige seiner Honige, die er unter der Marke „Honey.am“ vermarktet, tragen konkrete Gebietsbezeichnungen und auf seiner Webseite wird auf einer kleinen Landkarte gezeigt, woher der Honig stammt. Beim Honig mit der Bezeichnung „Karvajar“ fehlt diese Karte. Der Grund: Karvajar liegt im heutigen Azerbaidjan.

Honig aus Karvajar

George Tabakyan hat ein vereinbartes Treffen knapp vor meiner Reise „aus terminlichen Gründen“ gecancelt. Auf Mail-Anfragen bezüglich der genauen Herkunft dieses Honigs hat er nicht geantwortet. Karvajar ist heute, ebenso wie Berg Karabach insgesamt, militärisches Sperrgebiet. Das Bereisen ist nur mit Erlaubnis der autoritären Regierung in Azerbaijan erlaubt. Weite Teile des Landes sind vermint. Und immer wieder sterben Imker durch Landminen.

Vigen Manatskanyan ist da auskunftsfreudiger. Der 36-jährige betreibt gemeinsam mit seiner Frau Sona in Alaverdi, einer ganz im Norden Armeniens gelegenen Industriestadt, die ARMBEE honey farm.  Inmitten von Bienenvölkern können Gäste in zwei komfortablen Chalets nächtigen oder in kleinen Holzhütten die Luft der darunter wohnenden Bienenvölker einatmen. Die 33-jährige Sona kocht für die Gäste und das vorzüglich. Das apitouristische Leitprojekt der nordarmenischen Region Lori wurde mit Mitteln der EU gefördert. Geplant sind weitere Ausbaustufen der ARMBEE honey farm. So soll hier ein nationales Imkerzentrum entstehen, das weit über Alaverdi hinauswirkt. ↓

Schon der Anblick der beiden großen Chalets aus dem Tal ist spektakulär und entlockt meinem Reisebegleiter ein spontanes „Olda!“ Am oberen Ende eines steilen Felsens, direkt über der Stadt, ragen, von Metallstelzen getragen, zwei Gebäude mit großer Glasfront weit über den Abhang.

Atemberaubend ist auch der Blick aus dem Inneren durch die vollverglaste Seitenfront in die Debedschlucht und auf die Stadt Alaverdi mit ihren postsowjetischen Industrieruinen. Der vom Gebäude gerahmte Ausblick verschärft die Wahrnehmung. Mit der einbrechenden Dämmerung ändert sich auch die Geräuschkulisse. Das Rauschen des Verkehrs wird monotoner, flussähnlicher. Morgens treten wieder Solisten in den Vordergrund: Geräusch von kleinen Ladas und großen LKWs, die durch den Canyon rollen und deren Motoren- und Reifengeräusche von den steilen Felswänden in die Höhe geleitet werden, Hundegebell, Vogelgezwitscher, Dohlenrufe und zwischendurch immer wieder der Fluss. Und plötzlich getaktete Schläge auf Metall. Ein langer Güterzug mit schwefelgelben Waggons kriecht ins Bild, schlängelt sich in Zeitlupe durch die Windungen des Flusses. Und nachmittags kreist noch ein mächtiger Raubvogel über dem Canyon… Natur, perfekt in Szene gesetzt. „Viele Gäste sehen hier zum ersten Mal in ihrem Leben einen Adler“, erzählt Vigen später beim Frühstück.

Vigen ist gelernter Juwelier. Nach einem anschließenden Studium der Chemie ist er erst spät zu den Bienen gekommen. Sein Großvater hatte bereits Bienen und war ein anerkannter Imker in der Provinz Lori. Vigens Frau Sona wuchs in der Stadt Tscheljabinsk im russischen Ural auf. Sie ist studierte Linguistin. Den Aussichtsplatz auf dem Felsen über der Stadt haben die beiden kurz nach ihrer Heirat erworben.  „Sona und dieser Ort – beides war Liebe auf den ersten Blick“, erzählt Vigen.

Vigen und Sona Manatskanyan bei der Bienenarbeit
Vigen und Sona Manatskanyan bei der Bienenarbeit

Trotz des Vermerks im Reiseführer „Alaverdi ist keine Besichtigung wert“ hat auch die Stadt selbst einiges zu bieten. Die Schließung der Kupferfabrik, die in besten Zeiten bis zu 5.000 Menschen Arbeit geboten hatte, hat die Region in eine schwere wirtschaftliche Krise gestürzt, von der sie sich bis heute nicht erholt hat. Die Armut ist allgegenwärtig, die Behausungen sind desolat, das Angebot auf dem Gemüsemarkt ist bescheiden. Eine Brücke aus dem späten 12. Jahrhundert verbindet Alaverdi mit dem nahegelegenen Kloster Sanahin, beides UNESCO Weltkulturerbe. Die unregelmäßigen Stufen sind mit Gras überwachsen und vier steinerne Löwen liegen auf dem breiten Geländer und bewachen das Bauwerk. Alaverdi ist vieles zugleich und das auf engstem Raum: Industrieruinenromantik, Welt-kulturerbe und wilde Natur. Eine Kombination, die die Herzen aller Tourismusentwickler höher schlagen lässt.

Zum Frühstück gibt es exzellenten Wabenhonig. Danach erscheint Vigen mit zwei Schutzanzügen, eines davon für die Bienenarbeit. Den zweiten, vollkommen neuen, ziehe er nur an, wenn Journalisten zu Besuch kommen, erklärt er lachend. Reihen von Bienenstöcken sind über das steile Gelände verteilt und mit kleinen Gehwegen verbunden. Töchterchen Viktoria spielt mit den beiden Katzen Cherry and Rizhik. Weiter unten im Gelände befindet sich eine Höhle für deren Nutzung es schon Ideen gibt und auf dem Plateau oberhalb des Felsens hat Vigen bereits Grundstücke erworben, um Lavandelfelder anzulegen. Ein weiteres Projekt des technikaffinen Imkers gibt es noch: Er will seine Gäste mit 3D Brillen ausrüsten und virtuelle Reisen in den Bienenstock anbieten.

Das lärmende Großstadtgeschiebe von Yerewan lassen wir fluchtartig hinter uns. Wir wollen in den Süden, in die Provinz Vayots Dzor und fahren eingezwängt zwischen Ladas in verblichenen Sowjet-farben und vorsintflutlichen LKWs, die, in schwarze Abgaswolken gehüllt, sich im Schritttempo über die steile, mit Schlaglöchern übersäte Tukh Manuk Passstraße quälen.

Der Süden wird zunehmend sonnig, unsere Stimmung zunehmend euphorisch. Unser Reiseziel ist Davids Wine Art, eine renommierte, kleine Weinkellerei mit angeschlossenem Gästehaus in  Armeniens bekanntestem Weinort Areni. Vigens Reisetipp wird sich als Volltreffer erweisen: Aus einer geplanten Nacht werden drei und die Tage werden voll von spannenden Begegnungen. Großartige Weine, sehr gutes Essen und die landschaftliche Schönheit der Umgebung lassen uns alle weiteren Reisepläne vergessen. Eric ist die gute Seele des Hauses und unermüdlich für seine Gäste im Einsatz. Er ist der Cousin des Besitzers, hat als Sommelier in Yerewan gearbeitet und zuvor mehrere Jahre in den USA verbracht. → 

Bei uns gibt es nur mit Naturhefe vergorene Weine der Rebsorten Areni und Voskehat und wir verwenden kaum Schwefel“, sagt er stolz. Die Frage, ob die Wiege des Weinbaus in Georgien oder in Armenien gestanden hatte, beantwortet er diplomatisch: „Die Bewohner der steinzeitlichen Höhlen, in denen hier vor 6.000 Jahren bereits Wein gekeltert wurde, waren diesseits der Grenze weder Armenier, noch jenseits davon Georgier“.

Der von Eric erwähnte Nabel der Weinwelt liegt tatsächlich nur wenige 100 Meter vom Weingut entfernt. Ein internationales Archäologenteam hat hier im Jahre 2010 in einer Karsthöhle am Ufer des Flusses Arpa einen aufsehenerregenden Fund gemacht: Die älteste erhaltene Weinkelterei der Welt, datiert etwa mit 4.000 v. Chr.

Am Abend ist Besuch aus Frankreich angesagt: Damien Lafarge, the crazy french winemaker, wie Eric sagt, kommt einmal im Monat vorbei. Er betreut mehrere Weingüter in Armenien. Die Nächte verbringt Damien stets in Davids Wine Art. Er sagt den bemerkenswerten Satz: „Die spannendsten Weinbauregionen weltweit befinden sich entlang der Alten Seidenstraße.“ Gemeinsam mit einem Freund betreut er ein Projekt, das die genetische Verwandtschaft der autochthonen Rebsorten Armeniens mit den weltweit verbreiteten aufzeigen soll. „Die Kunst des Weinmachens hier in dieser extrem heißen und trockenen Region ist es, den Alkohol der Rotweine runterzubringen und dem Wein Komplexität und Raffinesse zu verleihen“, sagt er und öffnet für uns einige Beispiele seines Könnens.

Später gesellt auch Erics Onkel Ashot Simonyan zu uns. Er ist der Vater des Besitzers der Kellerei und der in sich ruhende Gegenpol  zu seinem Neffen Eric. Mittlerweile im Ruhestand war er Imker und Weinbauer sowie Verfasser von insgesamt acht Büchern über die Geschichte der Provinz Vayots Dzor. Er erzählt von der traditionellen Imkerei in Strohkörben und von der gelben Bienenrasse und er wirkt dabei wie von Geschichte besessen. Wie sein Neffe hat auch Ashot einige Jahre in den USA verbracht und wie er spricht er sehr gutes Englisch. Und auch Ashot Simonyan bestätigt die Qualität der Honige von Karvajar und seine üppigen Erntemengen, die in seiner Heimat Areni bei weitem nicht erreicht werden können. Obwohl nicht allzuweit von hier entfernt, liegt Karvajar doch hinter der mächtigen Bergkette des Arzachgebirges, das nun Qarabag yaglasi heißt, in unerreichbare Ferne gerückt für Armeniens Bienen, ein Sehnsuchtsort jenseits der umkämpften Grenze mit Azerbaijan.

Tagsüber stehen Ausflüge in die Umgebung auf dem Programm. Wir besuchen die alten Weingärten von Aghavnadzor mit ihren bis zu 300-jährigen Rebstöcken, die ohne Unterstützung in Stockkultur gezogen werden. Kleine Rebparzellen, inmitten von blühenden Obstbäumen. Im Gelände verstreut liegen kleine Steine und große Felsen. Hier ist alles mühsamste Handarbeit. Die Reben sind großteils unveredelt, was ihren Weinen, wie Önologe Damien am Vorabend erklärt hatte, besondere aromatische Finesse verleiht. Die Neugier und Gastfreundschaft der Bewohner von Aghavnadzor ist enorm.  Der seltene Besuch von Touristen hatte sich rasch herumgesprochen und die Aufmerk-samkeit des halben Dorfes erregt. Ein versuchter Spaziergang wird zu einem Massenauflauf, immer mehr Nachbarn treten dazu und laden in ihre Häuser zu Schnaps, Kuchen und Wein.

Das Kloster Norawank in der Nähe von Areni
Kloster Norawank nahe Areni

Armenien ist als erstes christliches Land der Welt bekannt für seine Kirchen und Klöster. Eines der schönsten ist das Kloster Norawank nahe Areni, das wir am folgenden Tag besuchen. Auf einem Plateau knapp vor dem Talschluss der Gnishik Schlucht gebaut, bildet es eine vollkommene Einheit mit dem rötlichen Gestein des Tales. Wir folgen der Flussenge des Gnishik weiter auf einem Fußpfad durch einen dichten Grüngürtel, der irgendwo in die hohen Felsen verschwindet. Wilde Birnen und Mandeln stehen in Vollblüte, auch Pistazien gibt es hier und Rosa Hemisphaerica, eine endemische, gelb-blühende Wildrosenart. Hier soll auch schon der Kaukasische Leopard gesichtet worden sein. Ein Nussbaum steht neben einer kleinen Kapelle. In seinen Ästen hat jemand ein metallenes Bettgestell befestigt und davor ein Wasserbecken in den Felsen gehauen. Ein mystischer Ort, wie geschaffen für die Einsiedelei. Hier sollten Bienen sein. ♦

REISETIPPS:

Aragast Hotel/Sewan
Arm Bee Honey Farm/Alaverdi
Restaurant Tsaghunk and Glkthun/Tsaghunk
Restaurant Old Bridge/Ashtarak
Davids Wine Art/Areni

Schon der Anblick der beiden großen Chalets aus dem Tal ist spektakulär und entlockt meinem Reisebegleiter ein spontanes „Olda!“ Am oberen Ende eines steilen Felsens, direkt über der Stadt, ragen, von Metallstelzen getragen, zwei Gebäude mit großer Glasfront weit über den Abhang.

Atemberaubend ist auch der Blick aus dem Inneren durch die vollverglaste Seitenfront in die Debedschlucht und auf die Stadt Alaverdi mit ihren postsowjetischen Industrieruinen. Der vom Gebäude gerahmte Ausblick verschärft die Wahrnehmung. Mit der einbrechenden Dämmerung ändert sich auch die Geräuschkulisse. Das Rauschen des Verkehrs wird monotoner, flussähnlicher. Morgens treten wieder Solisten in den Vordergrund: Geräusch von kleinen Ladas und großen LKWs, die durch den Canyon rollen und deren Motoren- und Reifengeräusche von den steilen Felswänden in die Höhe geleitet werden, Hundegebell, Vogelgezwitscher, Dohlenrufe und zwischendurch immer wieder der Fluss. Und plötzlich getaktete Schläge auf Metall. Ein langer Güterzug mit schwefelgelben Waggons kriecht ins Bild, schlängelt sich in Zeitlupe durch die Windungen des Flusses. Und nachmittags kreist noch ein mächtiger Raubvogel über dem Canyon… Natur, perfekt in Szene gesetzt. „Viele Gäste sehen hier zum ersten Mal in ihrem Leben einen Adler“, erzählt Vigen später beim Frühstück.

Vigen ist gelernter Juwelier. Nach einem anschließenden Studium der Chemie ist er erst spät zu den Bienen gekommen. Sein Großvater hatte bereits Bienen und war ein anerkannter Imker in der Provinz Lori. Vigens Frau Sona wuchs in der Stadt Tscheljabinsk im russischen Ural auf. Sie ist studierte Linguistin. Den Aussichtsplatz auf dem Felsen über der Stadt haben die beiden kurz nach ihrer Heirat erworben.  „Sona und dieser Ort – beides war Liebe auf den ersten Blick“, erzählt Vigen.

Vigen und Sona Manatskanyan bei der Bienenarbeit
Vigen und Sona Manatskanyan bei der Bienenarbeit

Trotz des Vermerks im Reiseführer „Alaverdi ist keine Besichtigung wert“ hat auch die Stadt selbst einiges zu bieten. Die Schließung der Kupferfabrik, die in besten Zeiten bis zu 5.000 Menschen Arbeit geboten hatte, hat die Region in eine schwere wirtschaftliche Krise gestürzt, von der sie sich bis heute nicht erholt hat. Die Armut ist allgegenwärtig, die Behausungen sind desolat, das Angebot auf dem Gemüsemarkt ist bescheiden. Eine Brücke aus dem späten 12. Jahrhundert verbindet Alaverdi mit dem nahegelegenen Kloster Sanahin, beides UNESCO Weltkulturerbe. Die unregelmäßigen Stufen sind mit Gras überwachsen und vier steinerne Löwen liegen auf dem breiten Geländer und bewachen das Bauwerk. Alaverdi ist vieles zugleich und das auf engstem Raum: Industrieruinenromantik, Welt-kulturerbe und wilde Natur. Eine Kombination, die die Herzen aller Tourismusentwickler höher schlagen lässt.

Zum Frühstück gibt es exzellenten Wabenhonig. Danach erscheint Vigen mit zwei Schutzanzügen, eines davon für die Bienenarbeit. Den zweiten, vollkommen neuen, ziehe er nur an, wenn Journalisten zu Besuch kommen, erklärt er lachend. Reihen von Bienenstöcken sind über das steile Gelände verteilt und mit kleinen Gehwegen verbunden. Töchterchen Viktoria spielt mit den beiden Katzen Cherry and Rizhik. Weiter unten im Gelände befindet sich eine Höhle für deren Nutzung es schon Ideen gibt und auf dem Plateau oberhalb des Felsens hat Vigen bereits Grundstücke erworben, um Lavandelfelder anzulegen. Ein weiteres Projekt des technikaffinen Imkers gibt es noch: Er will seine Gäste mit 3D Brillen ausrüsten und virtuelle Reisen in den Bienenstock anbieten.

Das lärmende Großstadtgeschiebe von Yerewan lassen wir fluchtartig hinter uns. Wir wollen in den Süden, in die Provinz Vayots Dzor und fahren eingezwängt zwischen Ladas in verblichenen Sowjet-farben und vorsintflutlichen LKWs, die, in schwarze Abgaswolken gehüllt, sich im Schritttempo über die steile, mit Schlaglöchern übersäte Tukh Manuk Passstraße quälen.

Der Süden wird zunehmend sonnig, unsere Stimmung zunehmend euphorisch. Unser Reiseziel ist Davids Wine Art, eine renommierte, kleine Weinkellerei mit angeschlossenem Gästehaus in  Armeniens bekanntestem Weinort Areni. Vigens Reisetipp wird sich als Volltreffer erweisen: Aus einer geplanten Nacht werden drei und die Tage werden voll von spannenden Begegnungen. Großartige Weine, sehr gutes Essen und die landschaftliche Schönheit der Umgebung lassen uns alle weiteren Reisepläne vergessen. Eric ist die gute Seele des Hauses und unermüdlich für seine Gäste im Einsatz. Er ist der Cousin des Besitzers, hat als Sommelier in Yerewan gearbeitet und zuvor mehrere Jahre in den USA verbracht. → 

Bei uns gibt es nur mit Naturhefe vergorene Weine der Rebsorten Areni und Voskehat und wir verwenden kaum Schwefel“, sagt er stolz. Die Frage, ob die Wiege des Weinbaus in Georgien oder in Armenien gestanden hatte, beantwortet er diplomatisch: „Die Bewohner der steinzeitlichen Höhlen, in denen hier vor 6.000 Jahren bereits Wein gekeltert wurde, waren diesseits der Grenze weder Armenier, noch jenseits davon Georgier“.

Der von Eric erwähnte Nabel der Weinwelt liegt tatsächlich nur wenige 100 Meter vom Weingut entfernt. Ein internationales Archäologenteam hat hier im Jahre 2010 in einer Karsthöhle am Ufer des Flusses Arpa einen aufsehenerregenden Fund gemacht: Die älteste erhaltene Weinkelterei der Welt, datiert etwa mit 4.000 v. Chr.

Am Abend ist Besuch aus Frankreich angesagt: Damien Lafarge, the crazy french winemaker, wie Eric sagt, kommt einmal im Monat vorbei. Er betreut mehrere Weingüter in Armenien. Die Nächte verbringt Damien stets in Davids Wine Art. Er sagt den bemerkenswerten Satz: „Die spannendsten Weinbauregionen weltweit befinden sich entlang der Alten Seidenstraße.“ Gemeinsam mit einem Freund betreut er ein Projekt, das die genetische Verwandtschaft der autochthonen Rebsorten Armeniens mit den weltweit verbreiteten aufzeigen soll. „Die Kunst des Weinmachens hier in dieser extrem heißen und trockenen Region ist es, den Alkohol der Rotweine runterzubringen und dem Wein Komplexität und Raffinesse zu verleihen“, sagt er und öffnet für uns einige Beispiele seines Könnens.

Später gesellt auch Erics Onkel Ashot Simonyan zu uns. Er ist der Vater des Besitzers der Kellerei und der in sich ruhende Gegenpol  zu seinem Neffen Eric. Mittlerweile im Ruhestand war er Imker und Weinbauer sowie Verfasser von insgesamt acht Büchern über die Geschichte der Provinz Vayots Dzor. Er erzählt von der traditionellen Imkerei in Strohkörben und von der gelben Bienenrasse und er wirkt dabei wie von Geschichte besessen. Wie sein Neffe hat auch Ashot einige Jahre in den USA verbracht und wie er spricht er sehr gutes Englisch. Und auch Ashot Simonyan bestätigt die Qualität der Honige von Karvajar und seine üppigen Erntemengen, die in seiner Heimat Areni bei weitem nicht erreicht werden können. Obwohl nicht allzuweit von hier entfernt, liegt Karvajar doch hinter der mächtigen Bergkette des Arzachgebirges, das nun Qarabag yaglasi heißt, in unerreichbare Ferne gerückt für Armeniens Bienen, ein Sehnsuchtsort jenseits der umkämpften Grenze mit Azerbaijan.

Tagsüber stehen Ausflüge in die Umgebung auf dem Programm. Wir besuchen die alten Weingärten von Aghavnadzor mit ihren bis zu 300-jährigen Rebstöcken, die ohne Unterstützung in Stockkultur gezogen werden. Kleine Rebparzellen, inmitten von blühenden Obstbäumen. Im Gelände verstreut liegen kleine Steine und große Felsen. Hier ist alles mühsamste Handarbeit. Die Reben sind großteils unveredelt, was ihren Weinen, wie Önologe Damien am Vorabend erklärt hatte, besondere aromatische Finesse verleiht. Die Neugier und Gastfreundschaft der Bewohner von Aghavnadzor ist enorm.  Der seltene Besuch von Touristen hatte sich rasch herumgesprochen und die Aufmerk-samkeit des halben Dorfes erregt. Ein versuchter Spaziergang wird zu einem Massenauflauf, immer mehr Nachbarn treten dazu und laden in ihre Häuser zu Schnaps, Kuchen und Wein.

Das Kloster Norawank in der Nähe von Areni
Kloster Norawank nahe Areni

Armenien ist als erstes christliches Land der Welt bekannt für seine Kirchen und Klöster. Eines der schönsten ist das Kloster Norawank nahe Areni, das wir am folgenden Tag besuchen. Auf einem Plateau knapp vor dem Talschluss der Gnishik Schlucht gebaut, bildet es eine vollkommene Einheit mit dem rötlichen Gestein des Tales. Wir folgen der Flussenge des Gnishik weiter auf einem Fußpfad durch einen dichten Grüngürtel, der irgendwo in die hohen Felsen verschwindet. Wilde Birnen und Mandeln stehen in Vollblüte, auch Pistazien gibt es hier und Rosa Hemisphaerica, eine endemische, gelb-blühende Wildrosenart. Hier soll auch schon der Kaukasische Leopard gesichtet worden sein. Ein Nussbaum steht neben einer kleinen Kapelle. In seinen Ästen hat jemand ein metallenes Bettgestell befestigt und davor ein Wasserbecken in den Felsen gehauen. Ein mystischer Ort, wie geschaffen für die Einsiedelei. Hier sollten Bienen sein. ♦

REISETIPPS:

Aragast Hotel/Sewan
Arm Bee Honey Farm/Alaverdi
Restaurant Tsaghunk and Glkthun/Tsaghunk
Restaurant Old Bridge/Ashtarak
Davids Wine Art/Areni