Türkei/Ägäisküste – Der Honig der Superlative
Türkei/Ägäisküste – Der Honig der Superlative
Allein die nackten Zahlen sind beeindruckend: Die Türkei ist, nach China, der zweitgrößte Honigproduzent weltweit. Innerhalb des Landes ist die Region Muğla, mit der Fläche des Landes Ober-österreich, so etwas wie das Epizentrum der Imkerei. Hier wiederum ist der Pinienhonig mit einem Anteil von 25 % an der landesweiten Honigproduktion von eminenter Bedeutung. Geschätzte 40.000 Arbeitsplätze hängen allein in der Region Muğla an der Imkerei und seinen nachgelagerten Sektoren wie Honigverarbeitung und –handel. Und nirgendwo auf der Welt gibt es eine derart hohe Bienendichte wie im Südwesten der Türkei zur Zeit der Pinienwaldtracht. Und noch ein letzter Superlativ. Die Türkei ist auch ein Land mit großer Bienenvielfalt. Ein Viertel der weltweit vorkommenden natürlichen Bienenrassen von Apis mellifera, der westlichen Honigbiene, gibt es hier.
Eine originelle Tourismuswerbung war das Kriterium für die Wahl des Reiseziels. „Einzigartige Dörfer für ländlicher Tourismus In Umgebung von Marmaris“ stand in recht freier Übersetzung und in unterschiedlichen Schrifttypen in einer Bildcollage von einer Ziegenherde, Portraits von Einheimischen, einer umzäunten Wiese, einer Erdbeere und eines Imkers samt Honigverkaufsstand. Unzeitgemäß und gerade deshalb anziehend. Dass diese Dörfer in der Region der türkischen Pinien-honigproduktion nahe der Stadt Marmaris auf der Bozburun Halbinsel liegen, macht sie nur noch attraktiver.
Die Bozburun-Halbinsel, ist eine 35 km lange Landzunge in der Region Muğla im äußersten Südwesten der Türkei, südlich der Bucht von Gökova. Das wirtschaftliche und touristische Zentrum ist die Stadt Marmaris. Das gesamte Gelände ist gebirgig und wird nur von wenigen Ebenen unterbrochen. Die teils steil aufragenden Berge reichen bis unmittelbar an das Meer, wodurch die Küste überwiegend felsig und zerklüftet ist. Es gibt hier viele kleine Buchten, die bei Seglern sehr beliebt sind. Erst sehr spät wurde die Halbinsel für den Autoverkehr mit Straßen erschlossen.
Die Ankunft in der Bucht von Gökova gleicht einer Landung in einem Land der Gegensätze. Mitten in einem Naturschutzgebiet wird der Kalkstein eines ganzen Gebirgszugs von Myriaden von Baggern abgeknabbert und anschließend mit Kolonnen von riesigen LKWs abtransportiert. Knapp vor der Küstenstadt Ören taucht dann, völlig unerwartet, in einer Schlucht der monumentale Schornstein einer Zementfabrik auf. Ungezügelte Bauwut hat die Türkei erfasst. Ein ganzes Land steht im Banne des Betons. In der Abendsonne kehrt der milde Sommer zurück mit dem betörenden Geruch der Pinien und dem sanften Schlag der Wellen des türkis-blauen Meeres. Das Wasser ist noch warm für Anfang November und der Waldboden bedeckt mit einem weichen Teppich aus langen Piniennadeln. Wir folgen der reizvollen Küstenstraße in Richtung Akakya. „Wo sind die Bienen?“ „Nicht hier!“ sagt der Wirt der erstbesten Absteige. Der Waldbrand von 2021 hat tiefe Spuren in einer Landschaft hinter-lassen, die noch Jahre später von Baggern leergeräumt wird. Morgens liegt Stille über der Bucht und ein zarter Nebelschleier. Unsere Honigreise führt uns weiter in den Süden.
Das Meer sehen wir wieder bei Marmaris, einer Küstenstadt, die verbaut ist bis zum äußersten Rand der sie umgebenden Bergwälder. Kreuzfahrtschiffe spucken ganze Rudel von sonnenverbrannten Halbnackttouristen an Land, britische Akzente feilschen lautstark im Großen Bazaar mit autochthonen Geschäftsleuten und Familien verschlingen Hotdogs in Etablissements der globalisierten System-gastronomie. Für besonders Abenteuerlustige werden Jeepsafaris ins Hinterland angeboten. Bezahlt wird in Pfund und das zu haarsträubenden Preisen. →
Pinienhonig ist rötlich-braun und der Geruch ist von harziger Würze mit Aromen von Jod. Am Gaumen dominiert eine milde Süße und der Geschmack von Karamell. Aufgrund des niedrigen Anteils an Glukose bleibt Pinienhonig sehr lange in flüssigem Zustand und kristallisiert erst nach mehreren Jahren. Die Nektarquelle von Pinienhonig ist Honigtau. Die Bienen sammeln an den Zweigen einiger mediterraner Pinienarten wie Pinus halepensis oder Pinus brutia den Zuckerextrakt der Schildlausart Marchalina hellenica. Das Insekt beginnt mit der Honigtauproduktion im August und diese Sekretion kann den ganzen Winter hindurch bis zum Frühjahr des Folgejahres anhalten. Die Schildlaus verbirgt sich in den Spalten der Pinienborke und ist bedeckt von einem weißen, watteartigen Geflecht auf dem die Honigtautröpfchen abgesondert werden. Mitte August erfolgt der „erste Honigtaufluss“. Im September stoppt die Honigtauproduktion für einige Tage um danach in den „zweiter Honigtaufluss“ überzugehen. Ab jetzt erfolgt die Honigtauproduktion nur langsam aber kontinuierlich bis ins Früh-jahr. Eine Sammeltätigkeit der Bienen ist jedoch während des Winters nur bei günstigem Wetter möglich. Im Frühjahr wenn die Temperaturen wieder steigen, findet dann der „dritte Honigtaufluss“ statt, der erst Mitte Mai endet. Die Bienen sammeln den Honigtau, fermentieren diesen im Bienenstock, trocknen ihn und produzieren so den Honig. Die Hauptsaison liegt zwischen August und Oktober. Um die Sammeltätigkeit der Bienen zu ermöglichen, muss die Luftfeuchtigkeit über 65 % und die Temperatur über 20°C liegen. Das massenhafte Vorkommen dieses Spätsommerhonigs macht die Region zu einem beliebten Ziel für Wanderimker, die oft die gesamte Zeit der Pinienwaldtracht in Wohnwägen oder eigens errichteten Hütten bei den Bienen verbringen. Enorme Zahlen an Bienenvölkern auf kleinem Gebiet mit einer Bienendichte von mehreren hundert Völkern pro km2 sind hier keine Seltenheit.
Unsere Suche nach gutem Pinienhonig gestaltet sich nicht einfach. Überall am Straßenrand wird er an kleinen Ständen unter der Bezeichnung „Çam bali“ zum Verkauf angeboten. Unser Gewährsmann für den guten Honigkauf ist der 57 Jahre alte Imker und Gastwirt Şenol Şahin. Für das Abendessen in seinem Restaurant Şahin in Bayir hat er Fisch besorgt, was außerhalb der Saison nicht ganz einfach ist. „Vater und Großvater waren bereits Imker, mein Sohn übernimmt vielleicht einmal den Betrieb“, erzählt Şenol stolz in einem Mix aus Deutsch und Englisch, während er das Abendessen serviert. Seine Gäste hätten es ihm beigebracht. Mit der diesjährigen Ernte ist er zufrieden. Vom Pinienhonig gab es 25 kg pro Bienenvolk, von anderen Sorten weniger. Pinienhonig ist hier in den Bergen die wichtigste Honigsorte. An der Küste gibt es viel Thymian-, Eukalyptus- und Johannisbrotbaumhonig. Rege Wandertätigkeit mit den 600 Bienenvölkern bis weit ins anatolische Hochland hinein, erweitert das Sortenspektrum der Imkerfamilie Şahin um Fenchel-, Astralagus- und den besonders begehrten Schwarzkümmmelhonig.
Die Waldbrände, die im August 2021 ausbrachen, zerstörten innerhalb weniger Tage auch einen Großteil des Waldes im Norden der Bozburun-Halbinsel. Die Einwohner sind bis heute schwer traumatisiert. Şenol erinnert sich: „Es war ein schlimmes Erlebnis, das ganze Dorf wurde für 10 Tage evakuiert. Wir haben geweint vor Schmerz, als wir gehen mussten und wir haben geweint vor Freude als wir wiederkamen und sahen, dass das Feuer 150 Meter vor unserem Haus halt gemacht hatte.“ ↓
Allein die nackten Zahlen sind beeindruckend: Die Türkei ist, nach China, der zweitgrößte Honigproduzent weltweit. Innerhalb des Landes ist die Region Muğla, mit der Fläche des Landes Ober-österreich, so etwas wie das Epizentrum der Imkerei. Hier wiederum ist der Pinienhonig mit einem Anteil von 25 % an der landesweiten Honigproduktion von eminenter Bedeutung. Geschätzte 40.000 Arbeitsplätze hängen allein in der Region Muğla an der Imkerei und seinen nachgelagerten Sektoren wie Honigverarbeitung und –handel. Und nirgendwo auf der Welt gibt es eine derart hohe Bienendichte wie im Südwesten der Türkei zur Zeit der Pinienwaldtracht. Und noch ein letzter Superlativ. Die Türkei ist auch ein Land mit großer Bienenvielfalt. Ein Viertel der weltweit vorkommenden natürlichen Bienenrassen von Apis mellifera, der westlichen Honigbiene, gibt es hier.
Eine originelle Tourismuswerbung war das Kriterium für die Wahl des Reiseziels. „Einzigartige Dörfer für ländlicher Tourismus In Umgebung von Marmaris“ stand in recht freier Übersetzung und in unterschiedlichen Schrifttypen in einer Bildcollage von einer Ziegenherde, Portraits von Einheimischen, einer umzäunten Wiese, einer Erdbeere und eines Imkers samt Honigverkaufsstand. Unzeitgemäß und gerade deshalb anziehend. Dass diese Dörfer in der Region der türkischen Pinien-honigproduktion nahe der Stadt Marmaris auf der Bozburun Halbinsel liegen, macht sie nur noch attraktiver.
Die Bozburun-Halbinsel, ist eine 35 km lange Landzunge in der Region Muğla im äußersten Südwesten der Türkei, südlich der Bucht von Gökova. Das wirtschaftliche und touristische Zentrum ist die Stadt Marmaris. Das gesamte Gelände ist gebirgig und wird nur von wenigen Ebenen unterbrochen. Die teils steil aufragenden Berge reichen bis unmittelbar an das Meer, wodurch die Küste überwiegend felsig und zerklüftet ist. Es gibt hier viele kleine Buchten, die bei Seglern sehr beliebt sind. Erst sehr spät wurde die Halbinsel für den Autoverkehr mit Straßen erschlossen.
Die Ankunft in der Bucht von Gökova gleicht einer Landung in einem Land der Gegensätze. Mitten in einem Naturschutzgebiet wird der Kalkstein eines ganzen Gebirgszugs von Myriaden von Baggern abgeknabbert und anschließend mit Kolonnen von riesigen LKWs abtransportiert. Knapp vor der Küstenstadt Ören taucht dann, völlig unerwartet, in einer Schlucht der monumentale Schornstein einer Zementfabrik auf. Ungezügelte Bauwut hat die Türkei erfasst. Ein ganzes Land steht im Banne des Betons. In der Abendsonne kehrt der milde Sommer zurück mit dem betörenden Geruch der Pinien und dem sanften Schlag der Wellen des türkis-blauen Meeres. Das Wasser ist noch warm für Anfang November und der Waldboden bedeckt mit einem weichen Teppich aus langen Piniennadeln. Wir folgen der reizvollen Küstenstraße in Richtung Akakya. „Wo sind die Bienen?“ „Nicht hier!“ sagt der Wirt der erstbesten Absteige. Der Waldbrand von 2021 hat tiefe Spuren in einer Landschaft hinter-lassen, die noch Jahre später von Baggern leergeräumt wird. Morgens liegt Stille über der Bucht und ein zarter Nebelschleier. Unsere Honigreise führt uns weiter in den Süden.
Das Meer sehen wir wieder bei Marmaris, einer Küstenstadt, die verbaut ist bis zum äußersten Rand der sie umgebenden Bergwälder. Kreuzfahrtschiffe spucken ganze Rudel von sonnenverbrannten Halbnackttouristen an Land, britische Akzente feilschen lautstark im Großen Bazaar mit autochthonen Geschäftsleuten und Familien verschlingen Hotdogs in Etablissements der globalisierten System-gastronomie. Für besonders Abenteuerlustige werden Jeepsafaris ins Hinterland angeboten. Bezahlt wird in Pfund und das zu haarsträubenden Preisen. →
Pinienhonig ist rötlich-braun und der Geruch ist von harziger Würze mit Aromen von Jod. Am Gaumen dominiert eine milde Süße und der Geschmack von Karamell. Aufgrund des niedrigen Anteils an Glukose bleibt Pinienhonig sehr lange in flüssigem Zustand und kristallisiert erst nach mehreren Jahren. Die Nektarquelle von Pinienhonig ist Honigtau. Die Bienen sammeln an den Zweigen einiger mediterraner Pinienarten wie Pinus halepensis oder Pinus brutia den Zuckerextrakt der Schildlausart Marchalina hellenica. Das Insekt beginnt mit der Honigtauproduktion im August und diese Sekretion kann den ganzen Winter hindurch bis zum Frühjahr des Folgejahres anhalten. Die Schildlaus verbirgt sich in den Spalten der Pinienborke und ist bedeckt von einem weißen, watteartigen Geflecht auf dem die Honigtautröpfchen abgesondert werden. Mitte August erfolgt der „erste Honigtaufluss“. Im September stoppt die Honigtauproduktion für einige Tage um danach in den „zweiter Honigtaufluss“ überzugehen. Ab jetzt erfolgt die Honigtauproduktion nur langsam aber kontinuierlich bis ins Früh-jahr. Eine Sammeltätigkeit der Bienen ist jedoch während des Winters nur bei günstigem Wetter möglich. Im Frühjahr wenn die Temperaturen wieder steigen, findet dann der „dritte Honigtaufluss“ statt, der erst Mitte Mai endet. Die Bienen sammeln den Honigtau, fermentieren diesen im Bienenstock, trocknen ihn und produzieren so den Honig. Die Hauptsaison liegt zwischen August und Oktober. Um die Sammeltätigkeit der Bienen zu ermöglichen, muss die Luftfeuchtigkeit über 65 % und die Temperatur über 20°C liegen. Das massenhafte Vorkommen dieses Spätsommerhonigs macht die Region zu einem beliebten Ziel für Wanderimker, die oft die gesamte Zeit der Pinienwaldtracht in Wohnwägen oder eigens errichteten Hütten bei den Bienen verbringen. Enorme Zahlen an Bienenvölkern auf kleinem Gebiet mit einer Bienendichte von mehreren hundert Völkern pro km2 sind hier keine Seltenheit.
Unsere Suche nach gutem Pinienhonig gestaltet sich nicht einfach. Überall am Straßenrand wird er an kleinen Ständen unter der Bezeichnung „Çam bali“ zum Verkauf angeboten. Unser Gewährsmann für den guten Honigkauf ist der 57 Jahre alte Imker und Gastwirt Şenol Şahin. Für das Abendessen in seinem Restaurant Şahin in Bayir hat er Fisch besorgt, was außerhalb der Saison nicht ganz einfach ist. „Vater und Großvater waren bereits Imker, mein Sohn übernimmt vielleicht einmal den Betrieb“, erzählt Şenol stolz in einem Mix aus Deutsch und Englisch, während er das Abendessen serviert. Seine Gäste hätten es ihm beigebracht. Mit der diesjährigen Ernte ist er zufrieden. Vom Pinienhonig gab es 25 kg pro Bienenvolk, von anderen Sorten weniger. Pinienhonig ist hier in den Bergen die wichtigste Honigsorte. An der Küste gibt es viel Thymian-, Eukalyptus- und Johannisbrotbaumhonig. Rege Wandertätigkeit mit den 600 Bienenvölkern bis weit ins anatolische Hochland hinein, erweitert das Sortenspektrum der Imkerfamilie Şahin um Fenchel-, Astralagus- und den besonders begehrten Schwarzkümmmelhonig.
Die Waldbrände, die im August 2021 ausbrachen, zerstörten innerhalb weniger Tage auch einen Großteil des Waldes im Norden der Bozburun-Halbinsel. Die Einwohner sind bis heute schwer traumatisiert. Şenol erinnert sich: „Es war ein schlimmes Erlebnis, das ganze Dorf wurde für 10 Tage evakuiert. Wir haben geweint vor Schmerz, als wir gehen mussten und wir haben geweint vor Freude als wir wiederkamen und sahen, dass das Feuer 150 Meter vor unserem Haus halt gemacht hatte.“ ↓
Das Volk der Karier hatte die Halbinsel vor 2.600 Jahren erstmals besiedelt. Griechen, Perser, Mazedonier, Syrer, Römer, Byzantiner, Seldschuken und Osmanen folgten in späteren Jahrhunderten. Als der osmanische Reiseschriftsteller Evliya Celebi im 17. Jahrhundert die Bozburun Halbinsel von Norden her bereiste, schrieb er: „Der Anfang vom Paradies ist bestimmt hier“. Ein Paradies mit starken Kontrasten zwischen Dörfern, die oft nur wenige Kilometer voneinander entfernt sind. Wir besuchen Tasliça, das rustikale Bauerndorf am Ende der Welt, dann Sögüt, den hippen Urlaubsort in der Nachsaison und natürlich Bayir, das beschauliche Imkerdorf mit seinen hellgrünen Pinienwäldern wo wir auch Quartier beziehen.
Voll ländlichen Lebens ist Bayir. Die in einem nach Westen geöffnetem Talkessel gelegene Siedlung ist von hohen Bergen umgeben. Den zentralen Punkt bildet eine uralte Platane, deren dunkle Astlöcher wie die Augenhöhlen eines Totenschädels nach Westen starren. Der belebte Platz um den Baum wird von kleinen Läden, Häusern mit türkis-blauem Anstrich sowie einer Moschee gesäumt. Viele Tische stehen hier und rundherum die bunten Stühle des Dorfcafes Çineralti Kahve. An einem Quelle füllen die Bewohner ihre Kanister mit Trinkwasser. Fast jeder hier im Dorf ist Imker. Außerdem ist die Olivenernte voll im Gange. Die Pinienwälder mit ihrem üppigen Unterwuchs leuchten in einem einzigartig hellen Grünton und unterscheiden sich deutlich vom metallischen Graugrün der Olivenhaine an den Hängen im südlichen Teil des Talkessels. Ein Geruch von Würze und Feuchtigkeit entströmt diesen Wäldern und dazu das ununterbrochene Summen der Bienen.
In der Nacht suchen Scheinwerferkegel einzelner Autos die Berghänge entlang. Akustisch begleitet werden sie dabei von Hundegebell, Käuzchenrufen und Lauten uns unbekannter Nachtvögel. Frühmorgens startet das Konzert der Hähne im Talkessel, gefolgt vom Gebetsruf des Muezzins in dessen Nachhall an den Berghängen auch die Hunde einstimmen. Der Ruf des Muezzins strukturiert schon am zweiten Tag auch meinen Tagesablauf und ist das Signal für den täglichen Besuch des Platanencafes. Elstern streiten heute lautstark in den Zweigen. Der Herbststurm treibt dunkle Nebelschwaden von Meer her über die Bergspitzen und der Wirt ist in Sorge über herabstürzende Äste. Die morgendlichen Besucher des Cafés sind Stammgäste: Die Männer von der Müllabfuhr, der Schulbusfahrer, die Gemüselieferanten. Sie alle trinken hier täglich ihren Tee.
Bayir wird überragt von einem Felsen und den Ruinen der Festung Syrna. Der Legende nach ist die antike Stätte eine Gründung des Sohnes von Asklepios, des griechischen Gottes der Heilkunst, zu Ehren seiner Frau Syrna. Der Weg dorthin beginnt bei der alten Platane und führt zwischen Stein-mauern und kleinen landwirtschaftlich genutzten Terrassen. Oben angekommen finden wir eine archäologische Sehenswürdigkeit ersten Ranges ohne Eintritt und Touristenrummel. Der Übergang von Natur zu Steinmetzkunst ist fließend. Ein grandioser Blick auf den Bayir umgebenden Talkessel und das dahinterliegende Meer ist der Lohn für die Mühen des Aufstiegs. Über Bayir schrieb Evliya Celebi: „Unpassierbarer Berg, wo alle Arten von wilden Tieren leben“. Wir wagen die Weiterreise dennoch und fahren nach Tasliça, dem südlichsten Ort der Halbinsel Bozburun. →
Beim Verlassen des Autos steige ich prompt in einen mächtigen Kuhfladen. Auch sonst bietet der Ort jede Menge Infrastruktur für ländlichen Tourismus. Der im Prospekt angepriesene Markt entpuppt sich allerdings als Verkauf von wenigen Gemüsesorten ab Rampe eines LKW, dessen Besitzer wie ein gnädiger Pascha inmitten seiner Ware thront. Männer in dunkler Kleidung schleppen säckeweise Gemüse, meist nur von einer Art, in ihr Zuhause. Und der Schwarztee ist hier sagenhaft günstig. Eine Tasse Çaj kostet nur 0,15 türkische Lira, umgerechnet € 0,20.
Ziegen und Esel bestimmen das agrarische Landschaftsbild, das von mächtigen Steinmauern durchzogen wird. Und Kühe weiden auf den Ruinen der beiden antiken Städte Phoenix und Kasara. Steine jeder Art und Größe gibt es hier reichlich, dafür nur kümmerliche Weiden und sehr wenig Wasser. Die Dorfbewohner von Tasliça beziehen es seit Jahrhunderten aus dutzenden, tief in den Felsen gehauenen Brunnen, die sogar Namen tragen. Die Bauern, die seit Jahrhunderten mit wenig Wasser ihr Auskommen finden, pflanzen dürreresistente Pflanzen wie Oliven, Mandeln, Feigen, Johannisbrot, Karakılçık-Weizen und Weintrauben. Die Region ist reich an lokalen Sorten. So soll es in Taşlıca über 20 Feigensorten geben.
Die mühsame Wanderung durch eine Geröllhalde an den Strand von Tasliça endet in einem wogenden Müllballett. Dessen Hauptakteur, ein im Wasser treibender, blauer Kanister stemmt sich tapfer gegen seine Auflösung in Mikroplastik. Neugierig beäugt wird er dabei von einer Ziegenherde. Eine Bäuerin ruft uns zu sich in ihr improvisiertes, almhüttenähnliches Reich in traumhafter Lage mit Meerblick, das aus einem ausrangierten Minibus und Zeltplanen besteht. Es gibt Tee und Oliven, Käse und Brot, selbstverständlich hausgemacht. Ständig kommen Nachbarn vorbei. Auf die Frage, ob sie ins Meer schwimmen gehe, sagt sie: „Niemals, ich schaue viel lieber darauf.“
In Sögüt beziehen wir eine kleine Pension mit urbanem Flair am Strand und freuen uns über die Annehmlichkeiten des nachsaisonalen Tourismus wie günstigere Preise sowie guten Espresso und funktionierendes WLAN. Abends findet ein Dorffest aus Anlass des Nationalfeiertags statt. Mustafa Kemal Atatürk hatte auf den Tag genau vor 102 Jahren die Republik ausgerufen. Es gibt einen Umzug und Livemusik. Kinder tragen türkische Fähnchen in der Hand und Männer in mehreren Reihen marschieren unter einer riesigen türkischen Flagge. Essen für alle wird verteilt, Regionalpolitiker in glänzenden Anzügen schütteln Hände.
Tags darauf fahren wir noch einmal zurück nach Tasliça. An einer unglaublich schönen Stelle, die den Blick auf die Bucht von Gökova freigibt, stehen in drei langen Reihen, bogenförmig angeordnet, weißlackierte Bienenvölker. Ein mythischer Ort und wohl der schönste Platz, den sich ein Imker für seine Bienen ausdenken kann. ♦
Bezugsquelle Pinienhonig:
Şenol Şahin/Bayir
Tel: +90 530 766 69 56
Reisetipps:
Restaurant Şahin/Bayir
Restaurant Syrna & Bungalow/Bayir
Yalibasi Restaurant/Sögüt
Cafe & Pansiyon 333/Sögüt
Das Volk der Karier hatte die Halbinsel vor 2.600 Jahren erstmals besiedelt. Griechen, Perser, Mazedonier, Syrer, Römer, Byzantiner, Seldschuken und Osmanen folgten in späteren Jahrhunderten. Als der osmanische Reiseschriftsteller Evliya Celebi im 17. Jahrhundert die Bozburun Halbinsel von Norden her bereiste, schrieb er: „Der Anfang vom Paradies ist bestimmt hier“. Ein Paradies mit starken Kontrasten zwischen Dörfern, die oft nur wenige Kilometer voneinander entfernt sind. Wir besuchen Tasliça, das rustikale Bauerndorf am Ende der Welt, dann Sögüt, den hippen Urlaubsort in der Nachsaison und natürlich Bayir, das beschauliche Imkerdorf mit seinen hellgrünen Pinienwäldern wo wir auch Quartier beziehen.
Voll ländlichen Lebens ist Bayir. Die in einem nach Westen geöffnetem Talkessel gelegene Siedlung ist von hohen Bergen umgeben. Den zentralen Punkt bildet eine uralte Platane, deren dunkle Astlöcher wie die Augenhöhlen eines Totenschädels nach Westen starren. Der belebte Platz um den Baum wird von kleinen Läden, Häusern mit türkis-blauem Anstrich sowie einer Moschee gesäumt. Viele Tische stehen hier und rundherum die bunten Stühle des Dorfcafes Çineralti Kahve. An einem Quelle füllen die Bewohner ihre Kanister mit Trinkwasser. Fast jeder hier im Dorf ist Imker. Außerdem ist die Olivenernte voll im Gange. Die Pinienwälder mit ihrem üppigen Unterwuchs leuchten in einem einzigartig hellen Grünton und unterscheiden sich deutlich vom metallischen Graugrün der Olivenhaine an den Hängen im südlichen Teil des Talkessels. Ein Geruch von Würze und Feuchtigkeit entströmt diesen Wäldern und dazu das ununterbrochene Summen der Bienen.
In der Nacht suchen Scheinwerferkegel einzelner Autos die Berghänge entlang. Akustisch begleitet werden sie dabei von Hundegebell, Käuzchenrufen und Lauten uns unbekannter Nachtvögel. Frühmorgens startet das Konzert der Hähne im Talkessel, gefolgt vom Gebetsruf des Muezzins in dessen Nachhall an den Berghängen auch die Hunde einstimmen. Der Ruf des Muezzins strukturiert schon am zweiten Tag auch meinen Tagesablauf und ist das Signal für den täglichen Besuch des Platanencafes. Elstern streiten heute lautstark in den Zweigen. Der Herbststurm treibt dunkle Nebelschwaden von Meer her über die Bergspitzen und der Wirt ist in Sorge über herabstürzende Äste. Die morgendlichen Besucher des Cafés sind Stammgäste: Die Männer von der Müllabfuhr, der Schulbusfahrer, die Gemüselieferanten. Sie alle trinken hier täglich ihren Tee.
Bayir wird überragt von einem Felsen und den Ruinen der Festung Syrna. Der Legende nach ist die antike Stätte eine Gründung des Sohnes von Asklepios, des griechischen Gottes der Heilkunst, zu Ehren seiner Frau Syrna. Der Weg dorthin beginnt bei der alten Platane und führt zwischen Stein-mauern und kleinen landwirtschaftlich genutzten Terrassen. Oben angekommen finden wir eine archäologische Sehenswürdigkeit ersten Ranges ohne Eintritt und Touristenrummel. Der Übergang von Natur zu Steinmetzkunst ist fließend. Ein grandioser Blick auf den Bayir umgebenden Talkessel und das dahinterliegende Meer ist der Lohn für die Mühen des Aufstiegs. Über Bayir schrieb Evliya Celebi: „Unpassierbarer Berg, wo alle Arten von wilden Tieren leben“. Wir wagen die Weiterreise dennoch und fahren nach Tasliça, dem südlichsten Ort der Halbinsel Bozburun. →
Beim Verlassen des Autos steige ich prompt in einen mächtigen Kuhfladen. Auch sonst bietet der Ort jede Menge Infrastruktur für ländlichen Tourismus. Der im Prospekt angepriesene Markt entpuppt sich allerdings als Verkauf von wenigen Gemüsesorten ab Rampe eines LKW, dessen Besitzer wie ein gnädiger Pascha inmitten seiner Ware thront. Männer in dunkler Kleidung schleppen säckeweise Gemüse, meist nur von einer Art, in ihr Zuhause. Und der Schwarztee ist hier sagenhaft günstig. Eine Tasse Çaj kostet nur 0,15 türkische Lira, umgerechnet € 0,20.
Ziegen und Esel bestimmen das agrarische Landschaftsbild, das von mächtigen Steinmauern durchzogen wird. Und Kühe weiden auf den Ruinen der beiden antiken Städte Phoenix und Kasara. Steine jeder Art und Größe gibt es hier reichlich, dafür nur kümmerliche Weiden und sehr wenig Wasser. Die Dorfbewohner von Tasliça beziehen es seit Jahrhunderten aus dutzenden, tief in den Felsen gehauenen Brunnen, die sogar Namen tragen. Die Bauern, die seit Jahrhunderten mit wenig Wasser ihr Auskommen finden, pflanzen dürreresistente Pflanzen wie Oliven, Mandeln, Feigen, Johannisbrot, Karakılçık-Weizen und Weintrauben. Die Region ist reich an lokalen Sorten. So soll es in Taşlıca über 20 Feigensorten geben.
Die mühsame Wanderung durch eine Geröllhalde an den Strand von Tasliça endet in einem wogenden Müllballett. Dessen Hauptakteur, ein im Wasser treibender, blauer Kanister stemmt sich tapfer gegen seine Auflösung in Mikroplastik. Neugierig beäugt wird er dabei von einer Ziegenherde. Eine Bäuerin ruft uns zu sich in ihr improvisiertes, almhüttenähnliches Reich in traumhafter Lage mit Meerblick, das aus einem ausrangierten Minibus und Zeltplanen besteht. Es gibt Tee und Oliven, Käse und Brot, selbstverständlich hausgemacht. Ständig kommen Nachbarn vorbei. Auf die Frage, ob sie ins Meer schwimmen gehe, sagt sie: „Niemals, ich schaue viel lieber darauf.“
In Sögüt beziehen wir eine kleine Pension mit urbanem Flair am Strand und freuen uns über die Annehmlichkeiten des nachsaisonalen Tourismus wie günstigere Preise sowie guten Espresso und funktionierendes WLAN. Abends findet ein Dorffest aus Anlass des Nationalfeiertags statt. Mustafa Kemal Atatürk hatte auf den Tag genau vor 102 Jahren die Republik ausgerufen. Es gibt einen Umzug und Livemusik. Kinder tragen türkische Fähnchen in der Hand und Männer in mehreren Reihen marschieren unter einer riesigen türkischen Flagge. Essen für alle wird verteilt, Regionalpolitiker in glänzenden Anzügen schütteln Hände.
Tags darauf fahren wir noch einmal zurück nach Tasliça. An einer unglaublich schönen Stelle, die den Blick auf die Bucht von Gökova freigibt, stehen in drei langen Reihen, bogenförmig angeordnet, weißlackierte Bienenvölker. Ein mythischer Ort und wohl der schönste Platz, den sich ein Imker für seine Bienen ausdenken kann. ♦
Bezugsquelle Pinienhonig:
Şenol Şahin/Bayir
Tel: +90 530 766 69 56
Reisetipps:
Restaurant Şahin/Bayir
Restaurant Syrna & Bungalow/Bayir
Yalibasi Restaurant/Sögüt
Cafe & Pansiyon 333/Sögüt